Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
10
Erscheinungsjahr:
1984
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000012263/31/
Aufgabe und die Klippe deutlich gemacht: «Es geht nicht darum, den Menschen zu verstaatlichen, sondern den Staat zu vermenschlichen.» Eben das aber ist für den Kleinstaat von vornherein leichter. C. G. Jung hat einmal geradezu behauptet: «Es ist sowieso eine offenkun­ dige Tatsache, dass die Sittlichkeit einer Sozietät als eines Ganzen umgekehrt proportional zu ihrer Grösse ist.» So mathematisch und vor allem so eindeutig wie unser grosser Tiefenpsychologe kann ich es nun allerdings nicht sehen. Zutreffend aber ist ohne Zweifel, dass die Voraussetzungen, die Ansatzpunkte und Möglichkeiten für eine Sozialpolitik, welche der Vermassung wehrt und welche die Gemein­ schaft menschlicher und persönlicher zu gestalten versucht, im klein­ staatlichen Gemeinwesen weit günstiger sind. Das schönste und be­ deutsamste Beispiel ist der Arbeitsfriede, der mit den Namen Konrad Ilg und Ernst Dübi — ein Gewerkschaftsführer und ein Unternehmer — verbunden ist (1937, seither immer wieder erneuert). Dieser Ar­ beitsfriede und der Plan Wahlen waren zwei entscheidende Stützen für das Durchhalten von Volk und Armee im Zweiten Weltkrieg.37 Im kleinstaatlichen Gemeinwesen stehen dem nachdenklichen Bürger vor allem auch die Grenzen aller Sozialstaatlichkeit — aller Natio­ nalisierungen und Etatisierungen — deutlicher vor Augen. Und im kleinstaatlichen Gemeinwesen sind die Menschen auch näher bei der Einsicht, dass alle wirkliche Humanisierung der Gemeinschaft letzt­ lich doch nur vom einzelnen her kommen kann.38 Aber was soll dieser Kleinstaat in einer Welt, die von den Grossen beherrscht wird? Klingt diese Botschaft vom Kleinstaat nicht wie eine Botschaft aus einer anderen, längst entschwundenen Welt? Was soll diese Apologie 37 Der «Arbeitsfriede» — diese weitherum in der Welt bewunderte Errungenschaft unserer Grundordnung — ist vor einigen Wochen (Juni/Juli 1983) neu bestätigt worden und wird am Ende dieser Vertragsperiode ein halbes Jahrhundert Gel­ tung erreichen! Die Erneuerung war diesmal zwar härter und mühsamer. Sollte dies ein Indiz dafür sein, dass das tragende Fundament — eine Friedensordnung auf der Grundlage der Freiheit und des Willens zur sozialen Gerechtigkeit (Kon­ rad Ilg hat jeweils sehr bewegt «Treu und Glauben» angerufen!) — zerbröckelt, bald nicht mehr tragfähig sein wird? 38 Wir sprechen absichtlich nicht vom «Individuum», sondern vom «Einzelnen» im Sinne Kierkegaards: d. h. von der menschlichen Person, die auch politisch aus einer letzten Verantwortung heraus handelt. Der «Einzelne» ist die radikale Gegenposition zum Kollektivismus und zur Masse. 33
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.