Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
10
Erscheinungsjahr:
1984
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000012263/21/
danke des Kleinstaates geht durch sein ganzes Werk. Dieser Gedanke erhielt bei Burckhardt eine ganz neue Relevanz und Dringlichkeit angesichts der grossen Gefahr, die er, wahrhaft prophetisch, voraus­ gesehen hat: das Abgleiten der Grossstaaten in die Massendespotie. Nur zwei Belege aus Briefen vor bald 100 Jahren mögen es zeigen: In einer Zeit, die doch eher fortschrittsoptimistisch an das «Gesetz der abnehmenden Gewalt» und an das Vordringen des Rechtsstaates glaubte, konnte Jacob Burckhardt sagen: «Alle Wolken des Himmels über halb Europa hangen dick voll künftiger Gewalttat.» Und an einer anderen Stelle — man hat ihn darob oft einen «Pessimisten» gescholten — sagte er die Heraufkunft der Massenwelt voraus: «Es wird eine Zeit kommen, wo die Menschen zu schreien beginnen, wenn nicht mindestens 100 beisammen sind.» Der Kleinstaatsgedanke von Jacob Burckhardt ist Ausdruck seines Kulturbegriffs, seines tiefen Misstrauens gegen alles Organisatorische. Kultur ist Ausdruck der Freiheit und Spontaneität, der Vielgestaltig­ keit und Buntheit. Sie lebt auch vom Wettstreit, vom Agon. Von hier aus ergab sich auch sein Verhältnis zu Deutschland, das vielen als rätselhaft zwiespältig erscheint. Jacob Burckhardt liebte dieses Deutschland, sogar leidenschaftlich, solange — und 
nur solange! — als es ein Land von Kleinstaaten war. Er sah seine grosse Mission im Kulturellen. Die Wende Deutschlands zur Grossmachtspolitik aber erschien ihm als der grosse Abfall und Verrat. Deshalb auch hat er die ehrenvollen Berufungen auf die berühmtesten deutschen Lehr­ stühle — zuletzt als Nachfolger Leopold von Rankes in Berlin — ab­ gelehnt.19 Aus der Begründung, die er seinen besten deutschen Freun­ den gab, spricht sein politisches Credo mit letzter Deutlichkeit: «Man kann nicht ein kulturell bedeutendes Volk sein wollen und zugleich politisch bedeutend.» Der Kleinstaat in der Gegenwart Die grosse politische Aufgabe, die uns heute imperativ gestellt wird, ist auf nationalem Boden: die 
freie Gemeinschaft freier Menschen 19 Kurz vor dem Krieg von 1866 erhielt er einen Ruf nach Götcingen, den er ablehnte, ebenso einen Ruf nach Tübingen. Nach dem «grossen Sieg Bismarcks» erhielt er auch noch den Ruf auf den berühmtesten Lehrstuhl nach Berlin. Auch jetzt blieb Burckhardt fest, erntete den Dank seiner Basler Mitbürger, — nach Berlin aber kam Treitschke! Vgl. Werner Kaegi, a. a. O., (Bd. I), S. 309. 23
        

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