Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
10
Erscheinungsjahr:
1984
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000012263/146/
II. Anlass und Ursache — Ziele und Wirkungen Wenn man die skizzierte Entwicklung in Rechnung stellt, kann man sich fragen, ob der sowjetische Wunsch nach einer Konferenz der friedenswilligen Kräfte Europas nicht eher Anlass zu derselben, ob ein bestimmter Schnittpunkt der Interessen beider Allianzsysteme nicht eher als Ursache des Zusammentretens der KSZE anzusehen ist. Liegt dieser Schnittpunkt der Interessen nicht dort, wo 25 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges die politischen Führungsstellen beider Militärallianzen, aus verschiedenen Motiven, in Kenntnis der Risiken für das eigene Lager und der zu erwartenden Taktik des Gegners, den Moment für gekommen erachten, wo durch Eröffnung einer zweiten Front die mit den bisherigen Methoden des Kalten Krieges unerreich­ bare Entscheidung des Ost-Westkonfliktes in Europa auf einem neuen Terrain gesucht werden soll? Damit beginnt das diplomatische Ringen um die endgültige Version der Entspannung in Europa. Um diesen Zweck zu erreichen, um das Gespräch über Sicherheitsinteressen hinaus in jenen stillen Raum zu tragen, wo ohne Sieger und Besiegte das Motivationszentrum des Gegners ansprechbar wird, dazu brauchen beide Allianzen die Diplomatie — nicht nur ihre eigene, sondern die Diplomatie der nicht in den Konflikt verwickelten neutralen Staaten Europas. Wohl blei­ ben also im KSZE-Prozess Zweideutigkeiten und Täuschungsmanöver an der Tagesordnung, für die eine wie für die andere Seite Gegeben­ heiten, mit denen gerechnet, Versuchungen, mit denen gespielt wird. Und möglicherweise vervielfältigen sich mit der KSZE Doppeldeutig­ keiten und Verunsicherungen, die der Entspannungspolitik ohnehin unterliegen, so dass östliche Strategen an westlichen Friedensinitia­ tiven und Verwirrspielen ihre helle Freude haben können. Dennoch ist die Frage zu prüfen: unterliegt der KSZE nicht mög­ licherweise eine schöpferische Zweitdeutigkeit, eine sogenannte «con- structive Ambiguity»? Kann aus einem Entspannungsdialog, dem zwei Lesarten des Begriffes Entspannung doppeldeutig unterliegen, von denen jeweils die eine der anderen Seite dadurch suggeriert werden soll, dass man sich be­ reit erklärt, die Lesart der Gegenseite zur Kenntnis zu nehmen — kann aus dieser Bereitschaft tödlicher Rivalen, sich höflich 
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