Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
10
Erscheinungsjahr:
1984
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000012263/105/
Eigentlich bestand Kultur schon vor dem Begriff «Kultur». Es gab hohe kulturelle Leistungen des menschlichen Geistes, bevor der Rah­ menbegriff Kultur gebildet worden war. Werkzeuge, Geräte, Kult­ gegenstände, Gebete und rituelle Handlungen dürfen sehr wohl als frühe Zeugen kultureller Entwicklungen betrachtet werden. Die Or­ ganisationsformen menschlicher Gemeinschaften wie Sippen, Stämme, Dorfgemeinschaften, städtische Siedlungen und schliesslich Staaten gewährten kulturellen Leistungen das Umfeld möglichen Gedeihens. Ja sie selbst sind Ausdruck von Kultur. Weder die Ägypter, noch die Kulturen des Zweistromlandes, noch die Griechen kannten das Wort Kultur oder besassen ein Synonym für das lateinische Wort «cultura». Im Jahre 45 v. Chr. wurde Cäsar vom Senat zum Imperator auf Lebenszeit ernannt. Marcus Tullius Cicero und viele andere gingen in eine innere Emigration und zogen auf ihre Landgüter. Cicero begab sich auf sein Gut in Tusculum und verfasste die «Tusculaner Gespräche». Erstmals scheint Cicero dem Wort «cultura» eine neue Bedeutungsdimension gegeben zu haben. Besass das Wort bis anhin nur auf das Agrarische ausgerichtete Bedeutung, etwa im Sinne von Pflege der Äcker und Wiesen, so sprach nun Cicero unvermittelt von der Pflege der Seele (cultura animi) mittels der Philosophie.1 Der Begriff entfernte sich vom Umkreis bäuerlichen Wirkens; Kultur wurde geradezu umgedeutet auf rein wissenschaftliches und musisches Tun und als Kontrastbegriff feiner städtischer Lebensweise zum rohen Landleben verwendet. Was anfänglich an Pflege dem Acker zuge­ dacht war, verfremdete man im Laufe der Zeit zum Merkmal urba­ ner, naturferner Lebensweise. Mit dem Untergang des römischen Imperiums im 5. Jahrhundert verschwand vorerst auch der Begriff «Kultur», weil das frühe Mittelalter vorweg agrarisch strukturiert war. Kultur im Sinn der römischen Klassik war beinahe ein Jahr­ tausend nicht mehr aktuell. Nicht dass deswegen die kulturellen Lei­ stungen im Früh- und Hochmittelalter ausgeblieben sind; man reflektierte in einer religiösen Gesellschaft nicht sosehr die Verfeine­ rung des eigenen Geistes, sondern man verstand sich vielmehr als 1 Cicero, Gespräche in Tusculum, II, 13, übersetzt von O. Gigon, zitiert nach Werner Raith, Das verlassene Imperium, Wagenbachs Taschenbücherei, Nr. 92, 8ff. In den nachstehenden Darstellungen folge ich allerdings mit Vorbehalten den Auffassungen von Werner Raith. 111
        

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