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rocke Gebilde des Türkenbundes. Aus seinen 
Wipfeln klingt der rauhe Ruf des Kolk 
raben, und zwischen den Stämmen wider 
hallt zur Nachtzeit das Röhren der Hirsche. 
Sein Rand ist bespickt mit Enzian und Troll 
blumen, mit Salbei und Heidekraut. Noch 
im Schatten der knorrigen Lärchen am Ran 
de ducken sich die ersten Häuschen der 
Bergler. Ihr Wille zum Kampf mit allen 
Kräften der Natur beschwerte die Dächer 
mit Steinen und fügte die Wände aus roh 
behauenen Balken. 
Tief unten breitet sich das Schachbrett der 
bebauten Felder im Tale, von Entwässe 
rungsgräben geradlinig durchzogen und von 
Feldwegen in regelmäßigem Abstand um 
säumt. Schmal und eng scheint die Ebene, 
und die letzten Häuser im Tale rücken nahe 
zum Rhein, dessen Lauf entlang der ganzen 
Länge unseres Landes der Beschauer mit 
einer halben Wendung des Kopfes zu über 
sehen vermag. 
Ein schmaler Graben scheidet Nord und Süd 
des Tales. Als Grenze wird er kaum erkannt, 
und das ist auch nicht seine Aufgabe. Wie er 
in sanftem Bogen eine Furche durch die 
Ebene zieht, ergänzt er das flache Bild der 
Landschaft. Er trennt nicht, sondern erinnert 
nur an historisch gewesene Trennung. In 
vollem Bewußtsein einstmals geschichtlicher 
Bedeutung zieht er gemächlich hin zum 
Rhein. An seinen Böschungen standen die 
herrschaftlichen Marksteine denen der Graf 
schaft Vaduz gegenüber. Damals freilich 
konnte er sich noch durch ausgedehnte Tüm 
pel und seichte Weiher winden. Heute hat 
des Volkes Fleiß und Arbeit ihm sein Bett 
abgesteckt und seine Böschungen vorge 
schrieben. Noch immer aber pflegt er sich an 
einigen Stellen mit Seerosen zu schmücken, 
und so wie einst schwirrt von Schilfrohr zu 
Schneewächte der Eisvogel in plötzlich auf 
glimmender Farbenpracht. Auch heute noch 
suchen sich die Enten dieses stille unbeach 
tete Wasser, wenn des künstlichen Kanals 
starke Strömung ihnen verleidet. 
Der Scheidgraben, wie ihn historische Auf 
gabe und altes Herkommen bezeichnen, ist 
Teil von jenem Ried, das im kleinen Raum 
das Gefühl der großen Weite schenkt, wo 
sich über dem Torf das flaumige Wollgras 
spielerisch neigt, vereinzelt die Iris sich zu 
kleinen Grüppchen sammelt und die Rohr 
kolben aus stehendem Wasser ihre säbel 
förmigen Blätter recken, wo das Riedgras 
in dichten Büschen der Lerche Gelege ver 
birgt und der Brachvogel in kreischendem 
Flug die Ruhe der Landschaft betont. Alte 
Kiefern stehen hier als Wächter über das 
Land, und verstreut in Gruppen bietet das 
Buschwerk den Rudeln von Rehwild unent 
behrlichen Unterschlupf. In geraden, starken 
Reihen wehren nun auch die Schutzpflan 
zungen dem Föhn, die Maisfelder allzu sehr 
zu zerzausen und die wertvolle Humus 
schicht wegzutragen, wo das Land entwäs 
sert und urbar, aber auch ärmer an unbe 
rührter Schönheit gemacht wurde. Doch ver 
trägt eben das schmale Tal nicht zweierlei 
Interessen. Dem Nutzen der Scholle wich 
teilweise die ursprüngliche Pracht. Kartoffel 
felder und saftiges Grün traten an Stelle 
von Röhricht und Schilf. Aber zwischen den 
Zeilen der Kartoffeln quorrt wie einst im 
Riedgras die Schnepfe, und über den Mais 
feldern kreisen, wie ehemals über dem Röh-
        

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