dürfen. Es giebt überhaupt nur Spezialdebatten, denn 
was die Generaldebatten betrifft, ist der Begriff 
«General» in einem Lande ohne Armee unpatriotisch 
und verpönt. Plenarbeschlüsse des Hauses werden in 
einem mit Spiegelwänden versehenen Kabinett gefaßt, 
wo die optischen Landesgesetze ein scheinbares Ple- 
num ermöglichen. 
Ich will nicht behaupten, daß die Hausordnung des 
Liechtensteinischen Parlaments wirklich solche Bestim- 
mungen enthalte. Jedenfalls wäre es ganz zweckmäs- 
sig, wenn dies der Fall wáre.Aber auch so klagt man im 
Lande nicht über die politischen Zustände. Der Um- 
stand, daß ich in Vaduz sechs Häuser im Bau begriffen 
sah, spricht sogar für einen gewissen volkswirtschaftli- 
chen Aufschwung unter diesem Regiment, und da sich 
andererseits die Staatsschuld erst auf etwa 170,000 fl. 
beläuft, so wird die Zinsenlast die Steuerzahler auch 
nicht so bald erdrücken. Das einzige, was das 
fürstentreue Volk im stillen kränkt, ist, daß der Fürst es 
so selten besucht. Seit dem Jahre 1866 ist er nicht in 
seinem Lande gewesen, seine Unterthanen aber wollen 
ganz genau wissen, daß er seitdem wiederholt mit der 
Eisenbahn vorübergefahren sei, auch das nur auf der 
Schweizer Seite, jenseits des Rheins, nicht einmal quer 
durch jenes oberste Zipfelchen seines Landes. Da 
seufzen sie denn so für sich, wie schön es wäre, wenn 
ihr Fürst unter ihnen wohnte in einem schönen 
Residenzschloß, mit einem glänzenden Hofstaat, 
durch den die Bevölkerung der Hauptstadt, jetzt kaum 
tausend Seelen, sofort auf das Doppelte gebracht 
würde. Vaduz würde dann Großstadt und Liechten- 
stein eine Macht, ein kleines Österreich. Man könnte 
sogar Einrichtungen nach dem größten Schnitt selbst 
einführen, z.B. den Dualismus, diese natürlichste 
Staatsform des Ländchens, das ja aus der Herrschaft 
Vaduz und der Grafschaft Schellenberg besteht. Und 
die hundert oder mehr Quadratmeilen, welche die 
Güter des Landesherrn in Osterreich ausmachen, wür- 
den dem Lande als Kolonien angehören.... Schöne 
Träume, welche, wie anderwärts, leider nur Schäume 
sind. Einstweilen sah ich das fürstliche Schloß zu Eis- 
grub, im Stahlstich, dauerhaft eingerahmt, an einer 
Wand meiner Stube hüngen; der verblümte Ausdruck 
einer stummen Sehnsucht. 
Das alte Schlo3, welches über Vaduz aufragt, ist zu 
keiner Residenz mehr geeignet. Selbst ein Raubritter 
von heute verlangt nach mehr Bequemlichkeit und 
Repräsentationsraum. Zwar, in einem gewissen Stande 
ist ein Teil des Baues immerhin erhalten, denn etliche 
Zimmer vornhinaus, zu denen aus dem Schloßhofe ein 
Dutzend neue Steinstufen hinaufführen, sind einer 
Weinwirtschaft eingeräumt und auf der andern Seite 
des Schloßhofes, wo in der Höhe eine lustige Holzgale- 
rie umläuft, wohnt der landesherrliche Forstmeister, 
dem die Walder des Fürstentums und die auf den 
«drei Schwestern» hausenden Gemsen unterstehen. 
Der fürstliche Wein ist vorzüglich und an Sonntagen 
belebt sich das Schloß mit Weinfreunden von nah und 
fem. Aus der Schweiz und aus Österreich sogar kommt 
dann viel durstiges Volk herein und es giebt ordentlich 
ein Volksfest auf dem Schlosse. Ein vortrefflicher 
Fahrweg führt von Vaduz hinauf, hinunter aber mag 
man dann auf der andern Seite steigen, wo ein 
reizender Saum- und Treppenpfad voll lauschiger 
  
 
        

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