Mann zu ernáhren; seitdem es aber ganz allein in der 
Welt steht und sich im offenen Kriege mit der grössten 
Militärmacht des Erdballes befindet, braucht es keinen 
Mann mehr zu halten. Ich muss gestehen, daß ich eine 
solche Politik nicht übel finde. Man muß freilich auch 
in Betracht ziehen, daß seit der allgemeinen Verwen- 
dung von weittragenden Geschützen die Sicherheit des 
Ländchens sich bedeutend gehoben hat. Nicht etwa, 
als ob es selbst irgend welche Geschütze besäße, wohl 
aber weil, von welcher Seite auch in Zukunft gescho- 
ßen werden sollte, die Kugeln im weiten Bogen un- 
schädlich über das ganze Land hinwegfliegen müssen. 
Ja, wenn man heute noch ungezogene Vorderlader 
benützte, das wäre ein Anderes. 
Als ich über die Brücke ging, legte sich mir übri- 
gens eine schwere Besorgnis nahe. Es kam mir 
ein breiter Heuwagen entgegen, auf dessen Hoch- 
plateau ein großer Teil der Bevölkerung saß, zwei 
Männer, drei Frauen, etliche Kinder. Wie? dachte ich 
mir, wenn nun zufällig auch noch über die andere 
Brücke ein gleich stark besetzter Heuwagen fahren 
sollte, da finde ich ja im Lande Liechtenstein nieman- 
den zu Hause. So unrichtige Begriffe hegte ich damals 
über die Zahl der Einwohner. Als ich dann in den näch- 
sten paar Stunden 8236 mal guten Abend sagen 
mußte — denn in ein paar Stunden hatte ich so ziem- 
lich jeden Einwohner gesehen und jeder hatte mich 
herzlich begrüßt — da wußte ich allerdings, daß es 
mehr Leute giebt zwischen dem Rhein und den «drei 
Schwestern,» als meine Schulweisheit sich träumen 
ließ. 
Auf den Feldern wurde fleiBig gearbeitet. Der Mais 
  
  
stand stellenweise recht schön und in großen Tafeln, es 
duftete überall von frisch gemähtem Heu und eine 
gescheckte Hündin wollte mich durchaus beißen. Sie 
hieß «Diana» und ihr Besitzer entschuldigte sich bei 
mir sehr angelegentlich, das Tier hätte mich für einen 
Schweizer gehalten und die möge es nicht recht leiden 
seit der Geschichte mit den beiden Brücken. 
Rechts hin, weit im Innern des Landes, wohl an 
1500 Schritt von mir, sah ich die Gegend mit 
recht dichtem Rauch bedeckt. Ich hielt das an- 
fangs für Höhenrauch und vermutete, es habe auch 
Liechtenstein, sowie Deutschland, sein «Muffrika,» 
dessen Moore jährlich abgebrannt werden und dann 
mit ihrem von den Gelehrten so lange verkannten 
Rauche halbe Länder überziehen. Auf meine Frage 
erfuhr ich jedoch, das seien nur «die Juden». Es 
befindet sich námlich an jener ráucherigen Stelle eine 
Spinnerei mit großem Schlot, welche von einer Firma 
Rosenthal betrieben wird. Eine zweite Spinnerei, höher 
am Gebirge, wurde früher von einem Schweizer ge- 
führt, sie ist aber schon seit einigen Jahren ausser 
Betrieb; denn auch Liechtenstein hat seinen klei- 
nen Krach gehabt. 
Ich kam nun an einen Wegweiser in rot und blau, 
den Landesfarben. Er zeigte nach drei verschiedenen 
Richtungen, nach Feldkirch, Bendern und Buchs; in 
einem so kleinen Land muß eben ein Wegweiser im- 
mer ins Ausland weisen. Dann ging's nach Schaan 
hinein, einem kleinen Markte, der ebenso schweize- 
risch oder vorarlbergisch aussieht, als liechtensteinisch. 
Auf der Terrasse des Gasthofes waren mehrere Herren 
und Damen versammelt, etliche davon in amtlicher 
  
 
        

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