nem Antisemitismus verhängnisvoll, fatal war. Denn es war ja dieser «erlaubte» Antisemitismus, der dazu führte, dass viele auch in der Schweiz - und in andern christlichen Ländern - der national- sozialistischen Judenverfolgung und -Vernichtung zuschauten, sie gewiss nicht billigten, sie aber doch für den Juden zugemessenes Schicksal - «Verhäng- nis», fatum - hielten. Altermatts Untersuchungsergebnisse bestätigen damit ein Stück weit auch Daniel Goldhagens The- se, wonach der die deutsche Kultur und Gesell- schaft durchdringende Antisemitismus Vorausset- zung für die schliessliche Verfolgung, Verdrängung und Vernichtung der Juden durch das Hitlersystem war. Jener zuerst latente, dann zunehmend elimi- natorische Antisemitismus war nicht auf Deutsch- land beschränkt. KULTUR- UND MENTALITÄTSGESCHICHTE: «ANATOMIE DES KATHOLISCHEN ANTISEMITISMUS» Altermatts Forschungsansatz ist kulturgeschicht- lich und mentalitätsgeschichtlich, nicht ereignis- oder strukturgeschichtlich. Mentalitäten sind Denk- und Meinungsweisen, welche im Alltag als akzep- tiert gelten und meist kaum mehr reflektiert wer- den. Altermatt untersucht «judenfeindliche Menta- litäten und Sensibilitäten» im Schweizer Katholizis- mus der Jahre 1918 bis 1945. Er fragt, ob es einen «spezifisch katholischen Antisemitismus» gab, was einen solchen, wenn es ihn gab, charakterisierte und was für Funktionen er im Sozialmilieu des vor- konziliären Katholizismus des 20. Jahrhunderts al- lenfalls erfüllte. Die Ergebnisse bieten gewisser- massen eine «Anatomie des katholischen Antisemi- tismus». Wo waren jene Denk- und Mentalitätsweisen aus- findig zu machen? Schweizer Bücher, Broschüren, Zeitschriften und Tageszeitungen, Handbücher, Le- xika, Gebetsbücher und Vereinsblätter wurden für den Untersuchungszeitraum von 1918 bis 1945 durchforscht, zumeist deutschsprachige, teils auch solche aus der Romandie, dem Tessin und der räto-romanischen 
Schweiz. Genannt seien als Beispiele die Schweizerische Kirchenzeitung>, , , , unter den christlich-demokratischen Tages- zeitungen etwa das Luzerner , . Hinzu kommen zahlreiche volkskundliche Quellen. Ebenso wird das Augen- merk darauf geworfen, woher die Texte gerade der Zeitungen und Zeitschriften kommen - vielfach aus Deutschland und Österreich. In dichter Folge werden die «langen Schatten des christlichen Antijudaismus» vor Augen geführt: die Karfreitagsliturgie, in der regelmässig «pro per- fidis Judaeis» - «für die treulosen Juden» - gebetet wurde; die Passionsspiele, etwa monumental 1934 und 1938 in Luzern aufgeführt, mit starker Beto- nung des «Blut»-Motivs - «Sein Blut komme über uns und unsere Kinder» -; die teils magischen Volksbräuche wie das Osterfeuer vor der Kirche, das manchenorts noch «Judas verbrennen» hiess, oder die Karfreitagsrätschen, die zum Teil als Ju- denlärm interpretiert wurden. In den Teilen über das «ambivalente Koordina- tensystem des katholischen Antisemitismus» und die herausstechenden «Paradigmen im öffentlichen Diskurs» weist Altermatt unter anderem auf das Versagen vieler Theologen angesichts der Shoah, der Judenvernichtung, hin. Er zeigt die wider- sprüchlichen Haltungen, den christlichen Antisemi- tismus als «antimodernistisches Syndrom», die Sündenbock-Funktion der Juden. Waren in den 1920er Jahren Kulturkrise und Weltverschwö- rungstheorien für viele Katholiken Anlass zu antise- mitischen Überzeugungen und Ausfällen, so wurde für die 1930er und 1940er Jahre die «Überfrem- dung» zu einem kulturellen Code. Die «Schweizer- tum»-Ideologie fand hierbei Anwendung gerade auf die Juden, insbesondere die zugezogenen, minder geachteten «Ostjuden», während demgegenüber jü- dische Schweizerbürger zwar als zwei Völkern - dem Schweizervolk und dem jüdischen - zugehörig erachtet wurden, aber als integrationsfähig galten. 272
        

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