REZENSIONEN / GEOLOGISCH-TEKTONISCHE ÜBER- SICHTSKARTE VON VORARLBERG UND LIECHTENSTEIN Schon zur Kreidezeit, der letzten Periode des Erdmittelalters, begann sich das Tethysmeer wie- der zu schliessen. Die afrikanische Platte drehte sich auf die eurasische Platte zu, wobei die dazwi- schen liegende adriatische Platte auf Europa zu- stiess. Der Meeresgrund wurde folglich aufgefaltet und erste Inselbögen erhoben sich aus dem damals noch subtropischen Meer. Erst in der Erdneuzeit, während der letzten Epo- che des Tertiärs, 
dem Pliozän, erfolgte, wie der Name schon sagt, die Hauptgebirgs/alto^sphase. Das war vor rund 25 bis zehn Millionen Jahren. Die oben beschriebenen drei Ablagerungsberei- che mariner Sedimente wurden dabei nicht nur verfaltet, sondern von ihrem vormaligen Ablage- rungsgrund abgeschert und weiträumig übereinan- der geschoben. So entstanden die drei grossen alpi- nen Gebirgsdecken: das Helvetikum (europäisches Schelfmeer), das Penninikum (der offene Ozean mit seinen Becken und Schwellen) und das Ostalpin (afrikanisches Schelfmeer). Der Erosionsschutt der jungen Alpen lagerte sich als tertiäre Molasse in Form von Sandsteinen und Konglomeraten in den Alpenvorländern (zum Beispiel im Schweizer Mittelland) mit einer Mäch- tigkeit von bis zu fünf Kilometern ab. In der letzten Überschiebungsphase wurde sie von den nördli- chen Alpen überfahren und bildet heute die soge- nannte subalpine Molasse, die zum Beispiel der Landschaft Appenzells ihre unverkennbare klein- räumige und hügelige Eigenart verleiht. EIN REPRÄSENTATIVER QUERSCHNITT DURCH DIE ALPEN Was hat nun dies alles mit Vorarlberg zu tun? Was zeigt überhaupt eine geologisch-tektonische Karte? Zuerst zur letzteren Frage. Die Tektonik ist eine Teilwissenschaft der Erdwissenschaften. Sie be- fasst sich mit dem Bau der Erdkruste, indem sie so- zusagen ihr Augenmerk gewichtiger auf deren Ar- chitektur als auf deren petrologische, das heisst gesteinskundliche, Zusammensetzung wirft. Die Geo- tektonik untersucht die grossen Platten der Erd-kruste 
von globalem Ausmass sowie deren Bewe- gungen im Laufe der Erdgeschichte. Sie erst er- möglicht uns das Verständnis der Gebirgstektonik, welche ihrerseits das Schicksal erforscht, das ein zusammenhängendes Gesteinspaket nach seiner Entstehung erlebt und welche Lageveränderungen es erfahren hat. Tektonik liesse sich auch 
als struk- turelle Geologie beschreiben. Die geologisch-tektonische Übersichtskarte von Vorarlberg und Liechtenstein stellt die gegenwärti- ge Tektonik der Region dar, die sich im Quadrat zwischen Arbon, Sonthofen, Chur und dem Piz Tas- na im Unterengadin ausbreitet. In diesem Gebiet sind die drei alpinen Gebirgs- decken alle vertreten und wesentliche Überschie- bungsereignisse in beispielhafter Form erkennbar. Die räumliche Vorstellung der Tektonik wird mit- tels eines deutlichen und detaillierten geologischen Profils, welches den unteren Teil der Karte ergänzt, hervorragend unterstützt. Der sich von Oberreit- nau, nahe Lindau, bis zum Piz Tasna, im Oberen- gadin, diagonal über die Karte erstreckende Quer- schnitt veranschaulicht sowohl regionale tektoni- sche Eigenheiten als auch die für weite Teile des Alpenbogens charakteristische Tektonik der gros- sen Decken. Durch diese Kombination alpenumfassender und regionaler geologischer Darstellung, welche dem geschickt gewählten Massstab von 1:200 000 zu verdanken ist, wird diejenige Art Einsicht er- möglicht, welche nur durch Übersicht zu erlangen ist, ohne aber dabei unscharf zu werden. Von alpinem Ausmass sind die Überschiebung und Aufrichtung der subalpinen Molasse durch die helvetischen Decken und wiederum deren Über- schiebung durch den penninischen Flysch und die penninischen Hochzonen und schliesslich die ober- ostalpinen Decken. Es handelt sich also nahezu um einen repräsentativen Schnitt durch die Alpen. 257
        

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