Bis zur Fusion zu einem gemeinsamen Verband im Jahre 1989 gab es in Liechtenstein zwei Pfadfin- derverbände, jenen der Knaben, das Pfadfmder- korps St. Georg, und jenen der Mädchen, das Pfad- fmderinnenkorps Sta. Maria. Es folgt nun eine nach diesen beiden Verbänden gesonderte Be- trachtung der Ergebnisse aus den Interviews.33 RESULTATE FÜR DAS PFADFINDERINNENKORPS STA. MARIA In Vaduz wurde Eltern von jüdischen Mädchen im Jahre 1941 oder 1942 nahe gelegt, ihre Töchter aus der Pfadfinderinnengruppe zu nehmen. Konkret be- traf dies nach derzeitigem Wissensstand Lotte Weil, deren Schwester Hilde, Margot Greif sowie Elsbeth Katharina Friedländer und deren Schwester Doro- thea, zusammen also fünf Mädchen. Die liechten- steinischen Pfadfmderkolleginnen waren damals ver- wundert, als diese Mädchen plötzlich nicht mehr zu den Versammlungen kamen, waren sie doch bei den Pfadfmderinnen sehr beliebt gewesen. Die Friedlän- der-Mädchen waren sogar als Patrullführerinnen tätig gewesen. Dies ist ein weiterer Beweis für ihre Integration in die Pfadfinderinnen-Abteilung und zudem ein Zeichen dafür, dass ihnen von der Abtei- lungsleitung Vertrauen entgegengebracht und Tüch- tigkeit zuerkannt wurde. In Schaan nahmen ebenfalls jüdische Eltern von sich aus drei Töchter aus der Pfadfinderinnengrup- pe, obwohl diese dort sehr aktiv und beliebt waren; es waren dies Edith Strauss, Hannelore Wollenber- ger und Susi Sommer. Die Eltern hatten offenbar Angst, dass sich ihre Kinder in einer solchen - auch «politisch» sich anti-nationalsozialistisch beken- nenden - Bewegung zu sehr exponieren und somit Kritik und Aufmerksamkeit auf sich ziehen würden. In Vaduz war es die Korpsführerin (Landesfüh- rerin), Gräfin Louisanne von Galen,34 die zu den El- tern gekommen war und diese dringend gebeten hatte, die Töchter nicht mehr in die Pfadfmderin- nengruppe zu schicken. Gräfin Louisanne von Ga- len stand ihrerseits unter dem Einfluss und Druck einer Liechtensteiner Elterngruppe. Manche Leute 
hatten in jener spannungsgeladenen Zeit offenbar Angst, dass jüdische Kinder als Mitglieder der Pfadfinderschaft die Auseinandersetzungen mit der auch in Liechtenstein tätigen HJ noch mehr anhei- zen und provozieren könnten. Diese Ausschlusspo- litik war indes, das kann mit ziemlicher Sicherheit gesagt werden, keine offizielle Verbandspolitik des Pfadfinderinnenkorps; aber da Gräfin Louisanne Korpsführerin war, muss die Verbandsleitung um diese Vorgänge gewusst und sie zumindest still- schweigend toleriert, wenn nicht gar gutgeheissen haben. Schriftlich scheint diesbezüglich jedoch nichts vermerkt worden zu sein. Es gab in der Pfadfinderinnenschaft, nach den Zeitzeugenaussagen, keinerlei antijüdische Paro- len. Aber es setzte sich auch niemand im Sinne des Solidaritätsgedankens speziell für die ausgeschlos- senen oder ausgetretenen Mädchen ein. Das Motto «Für Gott, Fürst und Vaterland» stand über allem, dafür hätte man sogar das eigene Leben eingesetzt. Auf der anderen Seite wurde in Kauf genommen, dass jüdische Mädchen ausgegrenzt wurden. Zu erklären sind diese Vorgänge damit, dass die Pfadfmderbewegung in Liechtenstein in ihrer Ziel- setzung damals in erster Linie eine «Pro-Liechten- stein-Bewegung» war, die für den Erhalt des Vater- landes und gegen Anschlussideen eintrat. Diese heimat- und fürstentreue Einstellung bedeutete au- tomatisch eine Gegnerschaft gegenüber Hitleran- hängern. In den Gruppen selber war es kaum ein Thema, ob jemand Jüdin war oder nicht. An antisemitische Äusserungen kann sich niemand erinnern. Die jü- dischen Mitglieder der Pfadfinderinnengruppen von Vaduz und Schaan waren zudem, wie schon erwähnt, äusserst beliebt. Bei den anderen damals existierenden Mädchenabteilungen in Liechtenstein stellte sich das Problem gar nicht, weil es offenbar keine jüdischen Kinder gab, die den Pfadfinderin- nen beitreten wollten. 226
        

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