Liechtenstein aus dem Jahre 1938 ist in dieser Hin- sicht aufschlussreich: «Mitglieder einer Pf. Gruppe oder Roverrotte dür- fen nur Rom. Katholische Liechtensteiner sein, oder solche nicht liechtenst. Staatsbürger Rom. Kath. Religion, deren Familie in Liechtenstein alt- eingesessen ist. Nicht-Katholiken dürfen auf eigenes Ansuchen als Gäste für bestimmte Zeiten oder Gelegenheiten vom [Feldmeister] oder [Rottmeister] eingeladen werden, sofern sie schon irgendwo aktive Pfadfin- der waren u. von ihrer früheren Gruppe empfohlen werden. Katholische Liechtensteiner, deren Familie vor- her Angehörige eines anderen Staates waren, dür- fen erst bei voller Ansässigkeit ihrer Familie Mit- glieder werden. Vorher können sie als Gäste, wie Nicht-Katholiken eingeladen werden, doch brau- chen sie nicht schon Pfadfinder gewesen zu sein. Für alle Gäste ist die Bewilligung des Korpsfüh- rers u. Abteilungskur-aten29 einzuholen.»30 Diese Anweisung von Prinz Emanuel bedeutet, dass Andersgläubige, folglich auch Jüdinnen und Juden, nur als «Gäste» berechtigt waren, am Pfad- fmderleben teilzunehmen, ohne jedoch Anspruch auf volle Integration erheben zu können. Dies war religiöse Diskriminierung. In seiner Funktion als Korpsführer (Landesfüh- rer) der Pfadfinder hatte Prinz Emanuel weit rei- chende Befugnisse. In den 1935 genehmigten Sta- tuten heisst es nämlich: «[Er] führt das Korps auto- ritär. Er trifft seine Entscheidungen in grundsätz- lich wichtigen Fragen nach Anhören der Mitglieder der Korpsleitung, und zwar, wenn es sich um sol- che Fragen handelt, die ihr Arbeitsgebiet berüh- ren.»31 Entscheide und Befehle des Korpsführers waren also durchaus verbindlich. Dabei stand die Anweisung von Prinz Emanuel aber auch im Einklang mit den Satzungen der liech- tensteinischen Pfadfmderbewegung. Dort heisst es in Artikel I: «Der liechtensteinische Pfadfinderbund hat den Zweck, das Pfadfinderwesen im Geiste ka- tholischer Weltanschauung und unter Anpassung an die Verhältnisse unseres Landes zu fördern».12 
ERGEBNISSE AUS DEN INTERVIEWS In den Zeitzeugen-Interviews kommt zum Aus- druck, dass sich die Frage nach der Religion für die damals aktiven jungen Pfadfinderinnen und Pfad- finder kaum stellte. Das überrascht nicht, da Liech- tenstein als konfessionell sehr einheitliches Territo- rium noch bis weit ins 20. Jahrhundert kaum über Erfahrungen im direkten Umgang mit Andersgläu- bigen verfügte. Jüdische Kinder waren, sofern sie mit ihrer Religionsausübung nicht an die Öffent- lichkeit traten und den staatlich und gesellschaft- lich verordneten Katholizismus dadurch nicht in Frage stellten, eigentlich willkommen. Trotzdem kam es zu vereinzelten Fällen, in de- nen jüdischen Kindern der Austritt aus der liech- tensteinischen Pfadfinder-Bewegung nahe gelegt wurde. Diese unrühmliche Tatsache wurde bis vor kurzem kaum wahrgenommen. In der Pfadfinder- Zeitung «Die Jugend» finden sich keinerlei Hinwei- se auf diese Thematik. «Die Jugend» unterstrich in ihren Ausgaben des Jahres 1945 vielmehr das po- sitive Engagement der Pfadfinderinnen und Pfad- finder für die bedrohte Heimat sowie gegen den Nationalsozialismus. Bekannt geworden ist der Auf- ruf in der «Jugend» vom 3. März 1945, angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen nur jene Kan- didaten zu wählen, die stets treu zu Fürst und Hei- mat gestanden waren: «Dass Bürger, die in der Be- währungszeit nicht klar und eindeutig zu Heimat und Fürst standen, unsere Stimme nicht erhalten, ist klar, auch wenn diese sich heute 200-prozentig staatserhaltend und fürstentreu gebärden. In die- ser schweren Zeit trugen alle Bäume Früchte und an diesen Früchten (und an nichts anderem) kön- nen wir sie erkennen.» 29) Der Abteilungskurat war der katholische Geistliche, der eine Pfadfinderabteilung in religiöser Hinsicht betreute. 30) APPL, handgeschriebene Notiz von Prinz Emanuel, 193S. ohne genauere Datierung. 31) LLA RF 156/067: Satzungen des Liechtensteinischen Pfadfinder- korps St. Georg, 1935. Artikel 17. 32) 50 Jahre Pfadfinder, S.II. 224
        

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