FL-PFADFINDERSCHAFT UND JÜDISCHE KINDER ZUR ZEIT DES NATIONALSOZIALISMUS / KLAUS BIEDERMANN ET AL. EINLEITUNG Die 1922 in Berlin geborene Lotte Weil, verheirate- te Rogers, emigrierte 1935 mit ihrer Familie nach Liechtenstein und lebt seit 1946 in den Vereinigten Staaten von Amerika. Während eines Besuchs in Liechtenstein teilte Lotte Rogers im Sommer 1995 Robert Allgäuer, dem damaligen Jahrbuch-Redak- tor und Vorstandsmitglied des Historischen Ver- eins, mündlich mit, dass sie während ihrer Zeit in Liechtenstein begeisterte Pfadfinderin gewesen sei, sie aber auf Weisung der liechtensteinischen Prin- zessin Louisanne, Gräfin von Galen,1 aus der Pfad- finderschaft habe austreten müssen, «weil sie als Jüdin zur Belastung werden könnte».2 Zudem er- hielt Robert Allgäuer von Ida Hasler-Beck, einer ehemaligen Pfadfmderin aus Vaduz, die Mitteilung, dass damals - um 1941 oder 1942 - alle jüdischen Pfadfinderinnen austreten mussten.3 Überrascht und bewegt von dieser Mitteilung regte Robert All- gäuer zu weiteren Recherchen in dieser Angelegen- heit an4 und fragte gleichzeitig, ob hier nicht eine Entschuldigung an die Adresse der Betroffenen ge- richtet werden sollte. Im Juni 1997 fand eine dreiteilige Vortragsreihe zur Thematik «Antisemitismus in Liechtenstein» statt, veranstaltet von der Arbeitsstelle für Erwach- senenbildung und dem Liechtenstein-Institut. An- lässlich einer Podiumsdiskussion im Rahmen die- ser Veranstaltung wurde unter anderem die dama- lige Rolle der Pfadfinder und Pfadfinderinnen Liechtensteins erwähnt und der nicht unerhebliche Vorwurf erhoben, dass Kinder jüdischer Herkunft in der Zeit des Zweiten Weltkrieges aus der liech- tensteinischen Pfadfinderschaft ausgeschlossen oder gar nicht aufgenommen worden seien. Ruth Kranz und Robert Büchel-Thalmaier, beide aktive Mitglieder der «Pfadfinder und Pfadfinderin- nen Liechtensteins» (PPL), waren Besucher dieser Veranstaltung und beschlossen schliesslich, im Auftrag des Vorstandes und mit dem Einverständ- nis der Landesleitung der PPL, Licht in diese Ange- legenheit zu bringen. In ihrem Bemühen wurden sie unterstützt von Barbara Ospelt, Märten Geiger und Klaus Biedermann, ebenfalls Mitglieder der 
PPL. Für den nun vorliegenden Bericht zeichnet die gesamte Arbeitsgruppe als Autorenteam verant- wortlich. Die seit 1931 bestehende Pfadfmderbewegung in Liechtenstein befand sich in den späten Dreissiger- jahren in einem starken Aufschwung. So vergrös- serte sich ihr Mitgliederbestand von 230 Jugendli- chen im Mai 1938 auf rund 650 Knaben und Mädchen im Mai 1939.5 Zu den Pfadfindern schick- ten liechtensteinische Eltern ihre Kinder auch, um sie der Volksdeutschen Bewegung zu entziehen.6 Die Pfadfmderbewegung, beruhend auf der englisch- westeuropäischen, auf Frieden und Völkerver- ständigung ausgerichteten Grundidee der Freund- schaft unter jungen Menschen und deren Völkern, wurde als wichtige Gegenbewegung zur Hitlerju- gend (HJ) angesehen und auch vom liechtensteini- schen Staat dementsprechend unterstützt.7 Durch die eingangs erhobenen Vorwürfe war je- doch der Mythos der liechtensteinischen Pfadfin- derschaft 
als der Jugendbewegung, die gegen die antisemitische Nazidoktrin und für Liechtenstein aufgetreten war, angekratzt. Zwei jüdische Teilneh- mer der oben erwähnten Podiumsdiskussion, Fritz Baum und Ernst Posener, bestätigten, dass die Rol- le der Pfadfinderinnen und Pfadfinder zu jener Zeit nicht so eindeutig gewesen sei, wie bis anhin gerne angenommen worden war. Zum einen schien ohne Zweifel, dass ein Mädchen namens Lotte Weil so- wie deren Schwester Hilde Weil tatsächlich aus 1) Prinzessin Louisanne von Liechtenstein, verheiratete Gräfin von Galen, war Korpsführerin (Landesleiterin) der Pfadfinderinnen im Fürstentum Liechtenstein. 2) Vgl. «Rundumfrage» von Robert Allgäuer, datiert vom 4. August 1995, in welcher er über sein Gespräch mit Lotte Rogers (geborene Weil) berichtete. 3) Ebenda. 4) Ebenda. Die Anregung von Robert Allgäuer war damals auch an die Pfadfinder und Pfadfinderinnen Liechtensteins (PPL) sowie an den Historischen Verein für das Fürstentum Liechtenstein gerichtet. 5) Geiger, Krisenzeit 2, S. 215. 6) Ebenda, S. 217. 7) Ebenda. S. 216 sowie: 50 Jahre Pfadfinder, S. 29. 219
        

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