1799 - FRANZOSENZEIT - SCHRECKENSZEIT ARTHUR BRUNHART «Die erste Forderung war Geld, Wein und alles was man hat, ... die Feind nahmen uns alles weisse Tu- ech und Bethäs, alle kostbare Man und Weibsklei- ter, alle eherne Häfen, das beste Kupfergeschier, Bether ... Heu und Stroh wurde in die Lager vertra- gen, alle Schwein und das junge Vieh wurden ge- schlachtet, ale Llüener aufgefangen. Vier Man wur- den hier auf der Stel erschossen und viele plessirt, sie schendeten die Weiber in Gegenwart der Mäner, alte 80iährige Weiber, lOiährige Kinder mussten ein Raub der Tiranen werden, wer sich nicht flüch- tete, wurde misshandelt.»1 Wenn man diesen Text liest, glaubt man sich in einen modernen Krieg versetzt, nach Kurdistan, ins ehemalige Jugoslawien, nach Ruanda, nach Tschetschenien oder an einen der anderen über hundert heutigen Kriegsschauplätze auf dem Glo- bus. Der Text stammt jedoch aus dem Jahre 1799, verfasst vom Unterländer Chronisten Johann Georg Heibert.2 Er zeigt: Krieg an sich ist grundsätzlich immer gleich, und Krieg ist nicht nur für diejeni- gen, die ihn direkt erleiden müssen, eine unerträg- liche, böse Sache. Das Erinnerungsjahr 1999 gab es in Liechten- stein nicht nur zu feiern wie anlässlich des Jubi- läums «300 Jahre Liechtensteiner Unterland», son- dern es gab auch nachzudenken. 1499 wurden die Landschaften Vaduz und Schellenberg in einen gros- sen Konflikt hineingezogen, den Schwaben- oder Schweizerkrieg, 1799 wurde Liechtenstein, achtzig Jahre zuvor ein Fürstentum geworden, das Opfer einer anderen europäischen militärischen Ausein- andersetzung, der zwanzig Jahre dauernden Krie- ge gegen Frankreich. Die Franzosenzeit ist - zu- sammen mit dem in fast jeder Hinsicht miserablen letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts und den bei- den ersten Jahrzehnten des beginnenden 19. Jahr- hunderts (mit der beispiellosen Hungersnot der Jahre 1816 und 1817)3 - eine der traumatischen Erfahrungen der Landesgeschichte.4 Das Fürstentum Liechtenstein und seine viel- leicht 4 500 Einwohner und Einwohnerinnen befan- den sich am Ende des 18. Jahrhunderts in miss- lichen Verhältnissen.5 Die Bevölkerung brachte sich dank einer mehr schlechten als rechten Viehzucht 
durch, mit Alpwirtschaft und Ackerbau.6 Etwas Ver- dienst brachte der Warentransport durchs Land.7 Es gab «kein Spital oder Krankenhaus. ... Alles wird elend administriert, und sagt eine nachgesetzte Ob- rigkeit etwas, so heisst es, dies gehe die Obrigkeit nichts an».8 Die obrigkeitliche Autorität galt wenig. Der Landvogt mutmasste gar, dass die liechtenstei- nischen Untertanen, «weil sie ringsumher mit Re- publikanern umgeben sind, auch selbst Republika- ner zu sein glauben und nur zum Schein einen Lan- desherrn und die Obrigkeit in so lang erkennen, als es ihnen gefällig».9 1) Rheinborger: Dokument. S. 190. 2) Verfasser der Helbert-Chronik ist nicht, wie bis dahin (und auch von Johann Baptist Büchel) angenommen, Jakob Heibert (1803-1858), sondern dessen Vater Johann Georg Heibert (1759-1813); vgl. Gemeinde Eschen - Mitteilungsblatt 1991/1, Berichtsjahr 1990, S. 70-75. Geiger, Peter: Verfasser der Helbert- Chronik aufgespürt. In: JBL 90 (1991), S. 317-327. 3) Vgl. dazu Falk-Veits, Weiss: Armut, S. 217; Schädler, Albert: Das Hungerjahr 1817 in Liechtenstein. In: JBL 18 (1918), S. 7-25. 4) Dieser Text beruht auf dem etwas veränderten und um einige Anmerkungen und Literatur ergänzten Referat vom 27. März 1999, gehalten anlässlich der Jahresversammlung des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein in Gamprin-Bendern. Er will einige Ereignislinien und Facetten der Schreckenszeit um 1799 aufzeigen. 5) Dazu im einzelnen Wanner: Wirtschafts- und Sozialgeschichte. S. 468. 6) Büchel: Heibert, S. 79 ff. 7) Vgl. Biedermann, Klaus: Das Rod- und Fuhrwesen im Fürstentum Liechtenstein. In: JBL 97 (1999). S. 7-183. 8) Zit. bei Vogt: Brücken zur Vergangenheit, S. 90. 9) Ebenda. 183
        

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