DER 18. JANUAR 1699 - WENDEPUNKT UNSERER GESCHICHTE? / PAUL VOGT Der Kaufvertrag vom 18. Januar 1699 Am 18. Januar 1699 unterzeichneten Fürstabt Ru- pert von Bodman, Fürst Johann Adam Andreas von Liechtenstein und Graf Jakob Hannibal von Hohenems den Schellenberger Kaufvertrag. Der Vertrag wurde in Hohenems ausgestellt, was an sich als Hinweis darauf verstanden werden muss, dass alle drei genannten Personen zu diesem Zeit- punkt zur Vertragsunterzeichnung in Hohenems waren. Tatsächlich muss bezweifelt werden, ob Fürst Johann Adam Andreas tatsächlich eigens zu dieser Vertragsunterzeichnung von Wien nach LIo- henems gereist ist: Immerhin sind dies etwa 600 Kilometer, wofür man mit der Kutsche auf den da- mals schlecht ausgebauten Strassen mehrere Tage brauchte. Es sind keine Belege bekannt, die auf eine solche Reise hinweisen würden. In den Rech- nungsbüchern im Hausarchiv der Regierenden Fürsten in Wien sind jedenfalls keine Ausgaben für eine solche Reise verbucht.21 Auf die Einzelheiten des Kaufvertrags vom 18. Januar 1699 kann an dieser Stelle nicht einge- gangen werden.22 Zusammenfassend einfach so viel: Der Kaufvertrag geht in einer langen Einlei- tung auf die Hintergründe des Verkaufs ein. Dabei wird ausführlich dargelegt, dass der Verkauf im In- teresse des Hauses Hohenems unausweichlich war, weil anders das Ansehen und die wirtschaftlichen Grundlagen des Hauses nicht gerettet werden konnten. Der Vertrag gibt zwar Aufschluss über die Beweggründe für den Verkauf durch die Hohenem- ser und die Zustimmung zu diesem Verkauf durch das Reich, die Beweggründe und Interessen des Fürsten von Liechtenstein werden hingegen mit keinem Wort erwähnt. Die Schuldenlast der Grafen habe bereits im Jahr 1692 die enorme Summe von 190 930 Gulden betragen. Die Einkünfte aus den Herrschaften Va- duz und Schellenberg würden aber nur 7 000 bis 8 000 Gulden pro Jahr betragen, was nicht einmal ausreiche, um die aufgelaufenen Schulden zu ver- zinsen. Aus diesen Einnahmen sollte die Familie Hohenems aber auch noch ihren Unterhalt bestrei- ten, die Beamten besolden, die Gebäude unterhal- ten, die Abgaben an Reich und Kreis bezahlen usw. Als weitere Begründung für den Verkauf wird die 
elende Lage der Untertanen angeführt, die für die Schulden der Grafen bürgen mussten und nun von den Schweizer und Bündner Gläubigern betrieben würden. Viele sähen keinen andern Ausweg, als den Gläubigern Hab und Gut zu überlassen und das Land zu verlassen. Für den Erwerb der Herrschaft Schellenberg habe schliesslich Fürst Johann Adam Andreas von Liechtenstein am meisten geboten, nämlich 115 000 Gulden, und deshalb den Zu- schlag bekommen. Die eigentlichen Verkaufsbedingungen sind in zwölf Artikeln enthalten. Die Herrschaft Schellen- berg wurde dem Fürsten von Liechtenstein mit al- len dazu gehörenden Rechten als freies Eigentum übergeben. Der Verkaufspreis musste an den Fürst- abt ausgerichtet werden, der damit die Schulden abzuzahlen hatte. Offensichtlich wollte man sicher gehen, dass das Geld zur Bezahlung der Schulden verwendet wurde. Der Fürst von Liechtenstein er- hielt ein Vorkaufsrecht auf Vaduz. Die Untertanen wurden angewiesen, wie gewohnt dem neuen Lan- desherrn zu huldigen und Treue zu geloben. Die Verträge von 1614 betreffend den Schnitz und ein Vergleich in der gleichen Angelegenheit aus dem Jahre 1688 wurden «auf künftige und ewige Zei- ten» ausdrücklich aufgehoben. Die Untertanen muss- ten inskünftig alle Reichs- und Kreislasten über- nehmen. 21) Mitteilung von Dr. Evelin Oberhammer, Hausarchiv der regieren- den Fürsten von Liechtenstein. Die Frage, ob Johann Adam Andreas tatsächlich in Hohenems war, ist deswegen interessant, weil es doch recht naheliegend wäre, dass der Fürst - wenn er schon nach Hohenems reiste - auch seine neu erworbene reichsunmittelbare Herrschaft Schellenberg besucht hätte, die von Hohenems aus in etwa zwei Stunden zu erreichen war. Der erste Besuch eines Fürsten in Liechtenstein hätte dann bereits 1699 stattgefunden und nicht erst - wie allgemein angenommen wird - 1842. Doch dies ist reine Spekulation. 22) Anlässlich des 300-Jahrjubiläums wurde der Vertrag von Claudi- us Gurt ediert. 13
        

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