sehen Bundestruppen die Kontrolle über dieses Einfallstor nach Graubünden. Für die Bündner und Eidgenossen ein unhaltbarer Zustand. Entgegen dem mit den verbündeten Eidgenos- sen vereinbarten Kriegsplan, der auf den Morgen des 12. Februars einen gleichzeitigen Angriff der Bündner über die St. Luzisteig und der bei Azmoos lagernden Eidgenossen über den Rhein bei Balzers vorsah, machten die Bündner, «getürstig [kühn] und ungemaistert lüt», wie der Verfasser der «Acta» kritisch vermerkt, einmal auf der St. Luzi- steig angelangt, nicht Halt, sondern jagten den nach Balzers fliehenden schwäbischen Lands- knechten nach und erschlugen dabei acht Mann.46 Der Versuch einer bei St. Katharinabrunnen pos- tierten schwäbischen Nachhut, die wild heran- stürmenden Bündner aufzuhalten, scheiterte und soll 60 Landsknechten das Leben gekostet haben. Die Schwäbischen wurden weiter ins Dorf Balzers zurückgetrieben, wo es in der inzwischen herein- gebrochenen Nacht zu einem wüsten Durcheinan- der kam, «dass sy ain huss anzundten-, damit sy ainandren sähen mochten. Und waren fründt und fiend under ainandren vermischt, dass sy etlich fragen müesten, wär sy wären». Ein Vorstoss nach Balzers noch am Abend des 11. Februars war ja nicht vorgesehen, ein Erkennungswort unter den Bündner daher nicht ausgemacht worden. Ein Teil der Landsknechte konnte sich auf die Burg Guten- berg retten, von wo der Vogt Ulrich von Ram- schwag auf die Verfolger schiessen liess, ohne je- doch der Dunkelheit wegen grossen Schaden anzu- richten. Der Mehrteil der Schwäbischen jedoch suchte das Heil in der Flucht, wobei ihnen noch et- liche Bündner über die Balzner Wiesen bis zum «Trisenerholz» nacheilten. Da an eine weitere Ver- folgung des Feindes in der Nacht nicht zu denken war, zogen sich die Bündner auf die St. Luzisteig zurück, nachdem sie für ihr leibliches Wohl gesorgt hatten, denn in Balzers «hand sy ir berait nachtmal funden: win, brot, flaisch und tisch, gericht nach lägers notturfft», sie konnten sich also an den für den Feind bereits gedeckten Tisch setzen. Acht Männer sollen die Bündner bei diesem unüberleg- ten Vorstoss verloren haben, ein mehrfaches davon 
die Schwäbischen. Dass auf beiden Seiten kein Par- don gegeben und mit äusserster Brutalität zu Werk gegangen wurde, zeigt das Verhalten der über Nacht auf die St. Luzisteig sich zurückziehenden Bündner gegenüber den verwundeten Feinden: «Do haben die wunden lantzknecht etlich noch ge- redt: nüw küekyer, und gemühet und blägget wüst. Denen hand sy die müler zerhowen und sy lassen ligen.» Aber auch die Schwäbischen machten mit Gefangenen kurzen Prozess. Für einige Kriegs- knechte aus dem Schams und vom Heinzenberg, die zusammen mit einem Priester nach ihrem Nachtmahl in Balzers den allgemeinen Aufbruch verpassten, die Nacht durchzechten und sich anschliessend sorglos zur verdienten Nachtruhe niederliessen, gab es bei Tag - wenn überhaupt - ein böses Erwachen. Sie wurden kurzerhand nie- dergemacht, nur den Priester rettete sein Rock, er wurde als einziger gefangen genommen.47 Dass dieses doch wohl eher dem bekannten und gefürchteten «furor Raeticus», der ungestümen Kampfesgier der Bündner entsprungene Unterneh- men mit ausgeklügelten militärstrategischen Über- legungen nicht in Einklang zu bringen war und zu etlicher Konfusion unter den Verbündeten führte, zeigte sich noch in derselben Nacht. Denn schon in Balzers müssen die Bündner den Entschluss ge- fasst haben, Verstärkung bei den auf der anderen Seite des Rheins bei Azmoos liegenden Eidgenos- sen anzufordern. Und dies aus gutem Grund, denn ihre Lage in Balzers war nicht ungefährlich. Vor sich der vertriebene Feind, der sich im Schutze der Nacht wieder sammeln konnte und von daher mit der Möglichkeit eines Gegenangriffs durchaus zu rechnen war, hinter sich die Burg Gutenberg mit den dort stationierten Truppen, die ihnen jederzeit in den Rücken fallen konnten. Der Urner Heini Wolleb, ein geschickter Kriegsunternehmer und er- fahrener Söldnerführer, der mit seinen Leuten auf Seiten der Bündner wacker mitstritt, übernahm die Aufgabe, noch bei Nacht die eidgenössischen Hilfstruppen herbeizuholen. Als dieser mit anschei- nend gegen 1 000 gut ausgerüsteten Kriegsknech- ten - die Zahl dürfte wohl bei weitem zu hoch ge- griffen sein - beim vereinbarten Treffpunkt eintraf, 172
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.