DER «SCHWEIZER-» ODER «SCHWABENKRIEG» VON 1499 ALOIS NIEDERSTÄTTER Als zu Beginn des Jahres 1499 habsburgische Landsknechte die Burg Gutenberg im heutigen Für- stentum Liechtenstein besetzt hielten, während links des Alpenrheines eidgenössische Kriegsscha- ren lagerten, trieben die Königlichen jene provo- kanten Spässe, die damals bei den Eidgenossen ihre Wirkung nie verfehlten: Sie riefen den Schwei- zern «Kuhschweizer» zu und ahmten das Muhen von Kühen nach. Schliesslich schmückten sie eini- ge Kühe als Bräute und forderten die Eidgenossen auf, über den Rhein zu kommen, um Hochzeit zu halten. Diese nun schon traditionelle Schmähung der Schweizer als Kuhbauern und Sodomiten1 soll - wenn man der eidgenössischen Chronistik folgen will - den letzten Anstoss zum Ausbruch jener mi- litärischen Konfrontation gegeben haben, die - je nach dem Blickwinkel - als «Schweizer-» oder «Schwabenkrieg» in die Geschichtsschreibung ein- gegangen ist. Wenn vom Verhältnis zwischen Habsburg-Öster- reich und der schweizerischen Eidgenossenschaft im Mittelalter die Rede ist, assoziiert man gemein- hin derartige militärische Konfrontationen, denkt an «Erbfeindschaft», an den Kampf zwischen Frei- heit und Unterdrückung, zwischen Gut und Böse, wobei man die Habsburger in der Rolle der aggres- siven Feudalmacht, die Eidgenossenschaft in der einer rechtmässig um ihre Befreiung ringenden De- mokratie sah. Diese Vorstellung prägte nicht nur die Schweizer Geschichtsschreibung bis weit ins 20. Jahrhundert.2 Die Wurzeln des habsburgisch-eidgenössischen Antagonismus3 reichen bekanntlich weit ins Mittel- alter zurück. Während die Habsburger im 13. Jahr- hundert zur führenden Feudalmacht zwischen Hochrhein und Alpen aufstiegen, bildete sich am Vierwaldstätter See eine Kooperation genossen- schaftlich organisierter Talschaftsverbände, die die Reichsunmittelbarkeit anstrebten und allmählich auch erlangten. Als die Einflusszonen der Talschaf- ten Uri, Schwyz und Unterwaiden mit jenen der Habsburger zu kollidieren begannen, nahm eine Konfrontation ihren Anfang, welche die politischen Verhältnisse in den Regionen südlich des Hoch- rheins und des Bodensees bis über den Alpen-hauptkamm 
durch zwei Jahrhunderte nachhaltig bestimmen sollte. Die Folgen sind bekannt: Im Zuge ihrer Expansionspolitik fügten die Eidgenos- sen österreichischen Heeren am Morgarten (1315), bei Sempach (1386) und Näfels (1388) schwere Niederlagen zu. Sempach, wo Herzog Leopold III. von Österreich unter den Gefallenen war, wurde nicht nur für die Eidgenossen, sondern auch für Österreich zu ei- nem Symbol. Dort hatten nach offizieller öster- reichischer Sprachregelung Aufständische ihren rechtmässigen Herrn ermordet. Immer wieder wies man in habsburgischen Kreisen auf das bei Sempach begangene Unrecht 
hin: Dux Lupoldus per suos in suo propter sua interfectus - «Herzog Leopold wurde von den Seinen in Seinem wegen dem Seinen getötet.» Die verlorenen Schlachten waren für Habsburg bitter, der Verlust an Prestige und der Aderlass, den der österreichische Adel der Vorderen Lande erlitten hatte, wogen schwer. Dennoch bedeuteten sie, obgleich die eidgenössischen Zugewinne be- trächtlich waren, keineswegs den Zusammenbruch der habsburgischen Macht im Westen. Insbesonde- re seit den neunziger Jahren des 14. Jahrhunderts entwickelten die österreichischen Herzöge wieder beachtliche Aktivitäten, die in der Landschaft zwi- 1) Zu den mentalen Gegensätzen vgl. Maurer, Helmut: Schweizer und Schwaben. Ihre Begegnung und ihr Auseinanderleben am Bodensee im Spätmittelalter. 2. Auflage. Konstanz, 1991. 2) Vgl. dazu Marchai, Guy P.: Die «Alten Eidgenossen» im Wandel der Zeiten. Das Bild der frühen Eidgenossen im Traditionsbewusst- sein und in den Identitätsvorstellungen der Schweizer vom 15. bis ins 20. Jahrhundert. In: Innerschweiz und frühe Eidgenossenschaft. Jubiläumsschrift 700 Jahre Eidgenossenschaft. Red. Hansjakob Achermann u. a. Ölten, 1990, Band 2, S. 428-436; ders.: Die schweizerische Geschichtsforschung und die österreichische Herr- schaft. In: Die Eidgenossen und ihre Nachbarn im Deutschen Reich des Mittelalters. Hrsg. Peter Rück. Marburg an der Lahn. 1991, S. 15-36; ders.: Neue Aspekte der frühen Schweizergeschichte. In: Geschichtsforschung in der Schweiz. Bilanz und Perspektiven - 1991. Hrsg. Boris Schneider; Francis Python. Basel, 1992, S. 325-338. 3) Dazu im Überblick Niederstätter, Alois: Habsburg und die Eidge- nossenschaft im Spätmittelalter. Zum Forschungsstand über eine Erbfeindschaft. In: Schriften des Vereins für Geschichte des Boden- sees und seiner Umgebung 116 (1998), S. 1-21. 141
        

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