«DER EINZIGE MANN, DER DIE SACHE AUF SICH NEHMEN KÖNNTE ...» / JÜRGEN SCHREMSER Im Deutschen Reich habe, laut Sichelschmidt, nun- mehr die VOMI die Führung einer völkischen Liechtenstein-Politik übernommen, freilich musste diese nach Massgabe des Auswärtigen Amtes erfol- gen. Von den zwei Gruppen solle «nichts verlangt werden, was gegen die Anerkennung des Liechten- steinischen Staates Verstösse».257 Im Verlauf der Besprechung sollte sich erweisen, dass die von der VOMI und der VDBL erhofften deutschvölkischen Gemeinsamkeiten mit der VU nicht weit trugen. Dies belegen die beiden ausführlichsten Quellen zum Verhandlungsverlauf in Friedrichshafen: das Protokoll Sichelschmidts und ein zeitgenössisches Gedächtnisprotokoll der VU-Leitung 
258. Goop von der VDBL hatte schon 1940 einen An- schlusskurs mit legalen Mitteln verfolgt, in Frie- drichshafen kam er der VU entgegen und machte Vorschläge zur Zusammenarbeit. Die VDBL erklär- te sich bereit, Liechtensteins Souveränität als ge- geben hinzunehmen und von ihren offenen An- schlussforderungen abzurücken. Aufschlussreich ist die in den Protokollen unterschiedlich wieder- gegebene Reaktion Alois Vogts. Im VU-Protokoll sah er «keine Möglichkeit der Zusammenarbeit». Vogts Auftreten wird ins Grundsätzliche gewendet, eine Zusammenarbeit von VU und VDBL berühre wegen deren Anschlusswünschen die Existenz des Landes.259 Schliesslich habe sich Sichelschmidt für die Position Goops eingesetzt. Er empfahl der VU eine Umstellung ihrer Presse auf eine «rein an- tikommunistische Haltung» und verwies auf mög- liche Verstimmungen in Berlin, falls keine Einigung zustande komme. Vogt habe empört reagiert: «We- der Berlin noch Bern hat uns in diese Frage etwas hineinzureden.»260 Diese Protokollierung entspricht im Stimmungseindruck den Schilderungen Sichel- schmidts: die VDBL sei den Herren der VU auf die Nerven gefallen. Inhaltlich wirkt Vogts Entgegnung patriotisch stilisiert. Gerade er zielte in seiner Kon- taktdiplomatie zur Schwächung der VDBL auf den Rückhalt deutscher Stellen. Plausibler wohl ist Sichelschmidts drohendes Drängen auf eine Ver- einbarung, laut Alois Vogt hätten seine VU-Beglei- ter bei Rückkehr nach Liechtenstein befürchtet, verhaftet zu werden.261 
Die Protokollierung Sichelschmidts ist differen- ziert und illusionslos: «Das greifbare Ergebnis der Verhandlungen ist also gering» lautet die nüchter- ne Bilanz des VOMI-Referenten. Sichelschmidt, der Alois Vogt mindestens seit 1941 aus Begegnungen kannte, stützt seine Einschätzung des Gegenübers auf aufmerksame Beobachtungen. Anders als im VU-Protokoll festgehalten, sei Alois Vogt auf die 248) Diese drohende Haltung gegenüber der Schweiz im Sommer 1942 wird von anderer Seite bestätigt. Dem schweizerischen Nachrichtenoffizier Meyer-Schwertenbach wurde im Juli 1942 in Berlin eröffnet, dass sich die Schweiz entweder durch Zwang oder freiwillig in das «neue Europa» einfügen könne. Siehe Rings: Schweiz im Krieg, S. 377-380. 249) BAB Bupo-Vernehmung Alois Vogt 1946, S. 17 f. sowie PAAV/ 1064 Rede Alois Vogt 1963. S. 5. Laut eigener Angabe kam Erd- mannsdorff nach Abberufung aus Budapest 1941 nie mit Ribbentrop zusammen. Allerdings stand er an einer Schnittstelle der auswär- tigen Informationsdurchgänge, im Arbeitskontakt mit dem Leiter der Polit. Abt. und dem Staatssekretär. Siehe StAN KV-Intcrrogations E 42 (Einvernahmen Erdmannsdorff 1947). 250) BAB Bupo-Vernehmung Alois Vogt 1947, S. 5. 251) AA, PA Inland II g 409. 4. Dezember 1942: Geiger (AA) an Müller (RSHA, Gestapo). 252) Der letzte diesbezügliche Vorgang in AA, PA Inland II g 409. 16. April 1943: Hummitzsch (RSHA, SD Inland) an AA (Deutschland- abteilung). 253) Alois Vogt gab 1947 an, dass Huegel ihm das Drängen von SS- Stellen auf eine Erledigung der VDBI.-Frage durch Zusammen- schluss mit der VU noch Anfangs 1943 vermittelt habe. Siehe BAB Bupo-Vernehmung Alois Vogt 1947, S. 5. 254) Zur Teilnehmerschaft siehe die Angaben im Besprechungspro- tokoll Sichelschmidt, die durch das «Gedächtnis-Protokoll über die Konferenz von Friedrichshafen» bestätigt werden. Die höchsten SS- Ränge bekleideten Böhm und Hummitzsch; «Sturmbannführer» entsprach dem militärischen Majorsrang, «Hauptsturmführer» dem des Hauptmanns. 255) Siehe Anm. 237. 256) Fürst Franz Josef II. verlängerte im Februar 1943 die Amts- dauer der seit Januar 1939 über eine Einheitsliste von VU und FBP zusammengesetzten Volksvertretung auf unbestimmte Zeit. 257) AA. PA Inland II g 409, Besprechungsprotokoll Sichelschmidt. S. 2. 258) PAAV/587, 1943: «Gedächtnis-Protokoll über die Konferenz von Friedrichshafen»: s. Anm. 235. 259) Ebenda, S. 4. 260) Ebenda. S. 6. 261) BAB Bupo-Vernehmung Alois Vogt 1947. S. 8. 91
        

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