«DER EINZIGE MANN, DER DIE SACHE AUF SICH NEHMEN KÖNNTE ...» / JÜRGEN SCHREMSER der Erneuerungsbewegung und nationalkonser- vativen Kreisen in der Schweiz führte er im Sep- tember und Oktober 1940 Besprechungen.19"' Im Herbst 1940, so Huegel, habe ihm Alois Vogt eine Grenzkarte nach Liechtenstein legitimiert.19'' Der Zeitraum von Vogts Verbindungsaufnahmen kreuzte sich mit einer heissen Phase der deutschen Richtungseinstellung gegenüber der Schweiz und Liechtenstein. Heerführung und Nachrichtendien- ste schmiedeten Anschlusspläne.'97 Diese Disposi- tionen kannte Vogt nicht, als er sich den Deutschen näherte. SD-Ausland-Chef Jost befürwortete noch im April 1941 eine militärische Lösung. Anpas- sungssignale aus dem Raum Schweiz/Liechtenstein wurden auf seiner Dienststelle registriert und ge- legentlich überzeichnet.'98 Huegel gehörte zu jenen, die für eine deutsche Vormachtstellung arbeiteten und die dafür bei deutschnational geprägten Politikern wie Alois Vogt Entgegenkommen sahen.199 Andererseits zählte sich Huegel einer Gruppe im SD zugehörig, die auf- grund genauer Stimmungskenntnis und schliess- lich aus Eigeninteressse von einem militärischen Anschluss der kleinen Neutralen abriet.200 Vogt fand in Huegel einen Verbindungsmann, dem er Vorbehalte zu völkischen Aufbau- und Anschluss- plänen vermitteln konnte.201 In den Kontaktauf- nahmen von 1940 und 1941 schienen solche Vorbehalte keine Rolle zu spielen. Von Seiten des Regierungschef-Stellvertreters werden Unter- redungsangebote gemeldet, die Protokollzuspie- lung an den SD relativiert die im Protokolltext ver- folgte Anbindung an den schweizerischen Wirt- schaftsraum. War gerade dieser abschwächende Eindruck von Vogt erwünscht? Zwei Umstände sprechen dafür: das analoge Auftreten gegenüber dem deutschen Reich und den schweizerischen Stellen sowie Vogts Reaktion auf die 1940 wieder- erstarkte VDBL. In Bern diente Vogt die Befürch- tung einer Deutschorientierung Liechtensteins als Druckmittel für wirtschaftliche Zugeständnisse. Im Deutschen Reich wiederum wurden die Kontakt- vorstösse zur Anschlussfrage mit Hinweisen auf schweizerische Forderungen an Liechtenstein ver- knüpft. 
Die Stellung Alois Vogts zur VDBL und ihren An- schlussbestrebungen in den Jahren 1940 und 1941 ist im folgenden näher zu beleuchten. 186) LLA 0. S. Sammelakt NS, Dok. Nr. 484852, undat. Handnotiz im AA. 187) Dieser Auffassung war SD-Führer Heinz Jost: «Dr. Vogt hat sieh bisher absichtlich nicht zur Volksdeutschen Bewegung bekannt, er geniesst dadurch das Vertrauen des Fürsten von Liechtenstein und auch der Schweizer Stellen.» Zit. nach LLA 0. S. Sammelakt NS. Dok. Nr. 484855. 24. Oktober 1940. 188) LLA 0. S. Sammelakt NS. Dok. Nr. 484853. 9. Oktober 1940: Picot (AA). 189) Siehe Ann. 170. 190) Ebenda. 191) Gerhard Krebs vertritt die Ansicht, dass Alois Vogt die SS mit dem Protokoll belieferte, ohne den Vorgang selbst näher zu unter- suchen. Siehe Krebs: Zwischen Fürst und Führer. S. 559. 192) Das entsprechende Aktenkennzeichen ist «VI F» - eines der Westeuropa-Referate galt dem Raum Schweiz/Liechtenstein, Leiter war 1940 und 1941 der SS-Offizier Bunsen. Ab Sommer 1941 firmierte die gesamte Westeuropa-Gruppe unter «VI B». 193) LLA 0. S. Sammelakt NS. Dok. Nr. 484851, siehe Anm. 169. 194) Interview mit Klaus Huegel. 1. Mai 1997. 195) Am 23. September 1940 in Wülllingen (CH). siehe Huegel- Boricht BAB F. 27 11223. Im Oktober 1940 fand eine Besprechung mit Vertretern des AA und RSHA sowie schweizerischen Frontislen- führern in München statt, siehe Werner Rings: Schweiz im Krieg 1933-1945, 8. erw. Aufl. Zürich 1990. S. 298-302. Kurzbeleg: Rings: Schweiz im Krieg. 196) PAAV/524 Bupo-Vernehmung Klaus Huegel 1946. S. 5 f. 197) BAB E 4320 (B) 1968/195 Bd. 79. Einvernahme Klaus Huegel 16. November 1945; Fuhrer: Spionage gegen die Schweiz, S. 65-68. 198) Siehe Fuhrer: Spionage gegen die Schweiz, S. 66, 68. 199) Interview mit Klaus Huegel. 1. Mai 1997. 200) Fuhrer: Spionage gegen die Schweiz. S. 68; Interview mit Klaus Huegel. 1. Mai 1997: Einen Bericht, wonach mit einer nennens- werten nationalsozialistischen Bewegung in der Schweiz nicht zu rechnen sei. sandte Huegel im Herbst 1940 nach Berlin. 201) Dies galt etwa für Vogts Ablehnung einer prodeutschen Presseagentur in Liechtenstein 1939 oder der von Reichsstellen erwünschten Fusion von VU und VDBL. Alois Vogt habe Huegel ausserdem erklärt, dass er mit der SS keine Gesinnungsgemein- schaft habe; siehe PAAV/524 Bupo-Vernehmung Klaus Huegel 1946, S. 5: BAB Bupo-Vernehmung Alois Vogt 1947. S. 4. 83
        

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