«DER EINZIGE MANN, DER DIE SACHE AUF SICH NEHMEN KÖNNTE ...» / JÜRGEN SCHREMSER Arbeitsamtsfunktionär auf Anfrage erfahren, dass Hitler nach dessen Erachten an «traumatischer Neurose» leide.100 Der Führer stehe angeblich un- ter psychiatrischer Beobachtung. Alle mit dem Putschversuch konfrontierten Ent- scheidungsträger in Bern, Berlin, Vaduz und im Gau Vorarlberg-Tirol waren an einer möglichst un- auffälligen Abwicklung der Vorgänge vom 24. März interessiert. Die publizistische, rechtliche und poli- tische Durchführung dieses diplomatischen Vorsat- zes dauerte in einer ersten Phase bis in den April 1939. Die deutschen Stellen hielten sich hierbei an zwei liechtensteinische Gesprächspartner, an Re- gierungschef Hoop und dessen Stellvertreter Vogt. In einer deutschen Darstellung der Putschereig- nisse, dem Bericht des VOMI-Leiters, SS-Obergrup- penführer Werner Lorenz,101 erscheint Vogt als jener Vertrauensmann, der seinem Gesprächspart- ner Günther Stier, dem VOMI-Referenten für Liech- tenstein, Zusagen machte. Vogt, so der Lorenz- Bericht, werde sich für die rechtliche Schonung der Putschbeteiligten einsetzen. Beim Fürsten bestün- de Amnestiemöglichkeit. «Verhandlungen durch Mittelsleute schweben noch», bemerkte Lorenz. Zu einer dieser Verhandlungen ist uns im Vorarlberger Landesarchiv (VLA) ein Dokument überliefert.10^ Es handelt sich um die Aufzeichnung eines deutschen Unterhändlers, welche dieser nach Besprechung mit «Reg. Chef Dr. Hob» an seine vorgesetzte Stelle in Berlin sandte. Hoop wurde ähnlich Vogt vom deutschen Wunsch verständigt, die Strafverfahren gegen die Putschisten niederzuschlagen und auch die nach Vorarlberg geflüchteten Beteiligten unbe- helligt zu lassen. Hoop erwiderte, dass ihm und «einem grössten Teil der Regierungsmitglieder» daran gelegen sei, dass die Angelegenheit in der gewünschten Form bereinigt werde. Der Regie- rungschef präzisierte, dass er dies nicht allein ver- fügen könne, auch Regierungsrat Pfarrer Anton Frommelt müsse zustimmen, ansonsten, so wird nach Berlin berichtet, drohe «schwere Hetze gegen Hob und Vogt» durch Frommelt, der «überhaupt der Scharfmacher gegen die Nationalsozialisten» sei. Hoop schlug dem deutschen Gesprächspartner vor, ihn in Vaduz zu besuchen, «wo wir zusammen 
mit dem Richter über die Möglichkeiten einer Nie- derschlagung der eingeleiteten Strafverfahren re- den könnten.»103 Hoop und Vogt blieben mit der stillen Abwick- lung der Putschereignisse weiterhin befasst, be- schwichtigten bezüglich der Rechtsfolgen, verhiel- ten andererseits die Vorarlberger Behörden zur Unterbindung künftiger Übergriffe.104 Der Fürst zog mit, sprach im Mai 1939 von der Verzögerung und schliesslich Niederschlagung des Verfahrens, für die Untersuchungen stellte er einen entsprechend verschwiegenen Richter in Aussicht.105 Im Dezem- ber 1939 wurden die Klageschrift gegen die liech- tensteinischen Putschistenführer abgemildert und - mit Rücksicht auf Hitlerdeutschland - der Prozess suspendiert.106 Die Weichen hierzu waren freilich schon bald nach dem 24. März gestellt worden. Regierungschef Dr. Josef FIoop und sein Stell- vertreter Dr. Alois Vogt rücken in den Quellen zum Putschversuch 1939 näher zusammen: im Rückgriff 94) Ebenda. 95) Geiger: Krisenzeit 2. S. 346-408. 96) VLA Präs. 373/39. 25. März 1939: Bericht Landrat Dr. Ignaz Tschofen an Gauleitung Innsbruck, u. a. über die Vorspräche Vogts und die darauffolgende Warnung der SA-Leitung Feldkirch. 97) LLA 0. S. Sammelakt NS. Manuskript Schreieder, 1 7. Juni 1968. Der Deutsche Josef Schreieder war nach dem Anschluss Österreichs bei der Grenzpolizei (Gestapo) in Vorarlberg tätig. Im August 1940 wurde er zum SD in den Niederlanden versetzt, wo er an der Zer- schlagung niederländischer Widerstandsgruppen gegen die deutsche Besatzung mitwirkte. 98) Geiger: Krisenzeit 2. S. 390. 99) Vogt fuhr nachts ein zweites Mal nach Feldkirch, um sich zu vergewissern, dass die Zusage der Vorarlberger Behörden, national- sozialistische Grenzübergriffe zu verhindern, wirksam wurde; siehe PAAV/523 Zeugenaussage Alois Vogt. 15. Januar 1946, S. 14 f. 100) PAAV/606. 15. April 1947: Schreiben Dr. Max Knözinger betr. 21. Oktober 1938. 101) ADAP D VI 141., 31. März 1939: Bericht Lorenz (VOMI). 102) VLA Präs. 373/39 undat. Aufzeichnung nach 27. März 1939. 103) Ebenda. 104) Weitere Akten in VLA Präs. 373/39. 105) Akten PK NSDAP Teil II Reg. Bd. 3, Dok. Nr. 022149 f. 106) Geiger: Krisenzeit 2, S. 404-408. 67
        

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