6 Zeit und Mentalität Zum Schluss muss man sich aus der Rückschau die Zeitbedingungen vergegenwärtigen: Zweiter Welt- krieg, die Schweiz und Liechtenstein vom Krieg umflossen, Gefährdung von allen Seiten, Unsicher- heit, ob man nicht angegriffen werde, Pflichten, kriegswirtschaftliche Einschränkungen, Zukunfts- und Lebensangst, Todesangst. Da erschienen Ver- ratshandlungen gegen das eigene Land als Dolch- stösse, Verräterei als eine Form der Kriegführung, die Verräter als Feinde, als zum Feind übergelau- fene Soldaten, denen man schliesslich, nach Ge- richtsverfahren zwar, auf dem Richtplatz auch mit der Waffe entgegentrat. In jener Zeitsituation und Stimmung wussten sich die Behörden mit der Be- völkerung in solcher Bewertung der Landesverrä- ter, auch der Todesurteile, einig. Auch in Liechtenstein nahm man den Prozess gegen Alfred Quaderer und seine Hinrichtung, die man erfuhr, offenbar mit Interesse, aber ohne gros- ses Mitleid hin. Viele waren empört ob des verräte- rischen Treibens. Manche, zumal die aktiven NS- Gegner, empfanden Genugtuung über die Strafe. Diese erschien als hart, aber gerecht und nötig. Im Krieg galt ein Menschenleben wenig, gar das eines Verräters. Die Behörden zeigten wenig Eifer, zu- gunsten des Lebens von Quaderer einzuwirken, das Landesinteresse, die Bewahrung des guten Verhältnisses zur Schweiz, ging vor. Quaderer war seit der Primarschulzeit landesabwesend, halb fremd, Schweizer Dialekt redend, man kannte ihn hier kaum mehr. Nach dem Krieg redete man wenig mehr davon, man wusste auch nichts Ge- naues. Eines führt der hier geschilderte Fall des Alfred Quaderer gerade auch für das kriegsverschonte Liechtenstein drastisch vor Augen: Ins allgemeine Kriegsgeschehen waren lauter Einzelschicksale eingebettet, und es ging um Leben und Tod. Dass freilich der Tod auch im extremsten Schuldfall einem Menschen nicht als gerichtliche Strafe von Staates wegen zugefügt, sondern ihm sein Letztes, das Leben, immer bewahrt werden sollte - wie es die Überzeugung des Verfassers ist -, dies hat in jener extremen Zeitsituation nicht der allgemeinen Mentalität entsprochen. 140
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.