Verteidigung des Landes. Sogar der Theologe Karl Barth, der später die Todesstrafe grundsätzlich ablehnte, befürwortete sie während des Zweiten Weltkrieges für Landesverräter, angesichts der na- tionalsozialistischen Bedrohung der Schweiz. WAS HÄTTE QUADERER VOR EINEM LIECH- TENSTEINISCHEN GERICHT ERWARTET? Quaderer hatte zum Nachteil der Schweiz spio- niert. Wäre sein Tun auch in Liechtenstein strafbar gewesen? Mit welchen Konsequenzen? Diese an sich hypothetische Frage lässt sich in diesem Falle sehr konkret beantworten. Denn gerade die in der Schweiz später als Landesverräter zum Tode verur- teilten Spione Willy Kranz, Emil Scherzinger und Theo Wolfinger waren wegen ihrer Spionagetaten aufgrund schweizerischer Liinweise Ende 1942 schon in Liechtenstein verhaftet und 1943 in Vaduz auch verurteilt worden. Wir dürfen daher davon ausgehen, dass sich für Alfred Quaderer hier ein Strafmass in ähnlichem Rahmen ergeben hätte. Willy Kranz wurde vom liechtensteinischen Kri- minalgericht im März 1943 wegen verbotenen mi- litärischen Nachrichtendienstes zu einem Jahr und neun Monaten Kerker verurteilt, Wolfinger zu zwei Jahren Kerker, Scherzinger zu zweieinhalb Jahren Kerker. In der Schweiz dagegen wurden, wie weiter oben erwähnt, alle drei später für die gleichen Spionagevergehen zum Tod verurteilt. Kranz, Wol- finger und Scherzinger entwichen allerdings schon im April 1943 aus dem Vaduzer Gefängnis, nach Deutschland. Auch Quaderer, dessen Spionagetaten mit jenen von Kranz vergleichbar waren, hätte also, wäre er in Liechtenstein verhaftet und hier verurteilt wor- den, mit einer Kerkerstrafe von etwa zwei Jahren rechnen müssen. Der ins Auge springende Unterschied in der Be- urteilung der gleichen Tatbestände gründete darin, dass sich erstens die Verratshandlungen gegen die Schweiz und nicht direkt gegen Liechtenstein rich- teten und dass sie zweitens im Fürstentum nicht von einer Strafnorm erfasst wurden, welche sie als 
Landesverrat gewertet hätte, sondern nur vom «Spitzelgesetz» von 1937, dem «Gesetz betreffend den Schutz der Sicherheit des Landes und seiner Bewohner», mit entsprechendem Strafrahmen. Auf «Hochverrat» wäre zwar auch im liechtensteini- schen Strafgesetz noch die Todesstrafe gestanden. Aber Spionage für oder gegen ein fremdes Land - in diesen Fällen für Deutschland, gegen die Schweiz - galt nicht als Hochverrat, sondern nur als verbotener Nachrichtendienst. LANDESVERRÄTER AUCH GEGENÜBER LIECHTENSTEIN? Hatten Alfred Quaderer und weitere wegen Lan- desverrats in der Schweiz verurteilte Liechtenstei- ner auch Landesverrat an Liechtenstein verübt? Nach dem Wortlaut der liechtensteinischen Gesetze offensichtlich nicht, jedenfalls nicht im Sinne des Hochverrats nach Strafgesetzbuch, wie oben ge- zeigt. Juristisch waren sie also keine liechtensteini- schen Landesverräter. Zumindest politisch und moralisch allerdings rückten sie in die Nähe auch des liechtensteini- schen Landesverrats, des «Hochverrats». Quaderer und die weiteren für Hitlerdeutschland spionie- renden Liechtensteiner gefährdeten nämlich durch ihren Verrat gegen die Schweiz auch das Fürsten- tum und seine Bewohner existentiell. Wie die militärische Bedrohung der Schweiz Liechtenstein mit einschloss, so umgriff Landesverrat gegen die Schweiz auch Verrat gegen Liechtenstein. Entlang dieser Linie wurde damals, wie hier sichtbar geworden ist, auch in den Schweizer Instanzen und ebenso in der liechtensteinischen Presse und Öffentlichkeit argumentiert. Diese Überzeu- gung war es ja eigentlich gewesen, welche für Ge- richt und Behörden in der Schweiz den Ausschlag gegeben hatte, Quaderer ohne Milde dem Tod zu überantworten. Selbst die liechtensteinische Gesandtschaft in Bern hielt ein Jahrzehnt nach dem Krieg im Zusammenhang mit Begnadigungseingaben von Liechtensteiner Spionen, die 1955 noch in Schwei- 138
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.