LANDESVERRAT: DER FALL DES 1944 IN DER SCHWEIZ HINGERICHTETEN ALFRED QUADERER / PETER GEIGER 5 Fragen zum Fall Quaderer auch die offene Information des Mehrheitsorgans gestoppt, zweifellos aus innen- und aussenpoliti- schen Rücksichten. Dennoch konnte man hier über Schweizer Zeitungen und Radio das Wesentlichste erfahren. Auch in Liechtenstein distanzierte man sich entrüstet von den aufgeflogenen Spionen, wel- che Einzeltäter seien, und man betonte die kor- rekte Haltung des Landes, nämlich von Seiten des «Volksblatts» die konsequente Ablehnung des Na- tionalsozialismus und von Seiten des «Vaterlands» die strikte Neutralität. Man nahm auch hier die Urteile als selbstverschuldet hin, auch das Todes- verdikt gegen den in der Schweiz einsitzenden Quaderer, wies aber von Bürgerparteiseite auch den einheimischen Nationalsozialisten der «Volks- deutschen Bewegung» Mitverantwortung am Ver- rat und damit an Quaderers Schicksal zu. Kritik an der Todesstrafe oder Anstösse zur Milde wurden, ausser im Familienkreis, nicht manifest. Auch Fürst und Regierung taten mit dem halbherzigen Vorstoss in Bern wenig. In der Schweiz wurden eine ganze Anzahl wei- terer Spionage-Urteile gegen Liechtensteiner oder Personen mit Beziehungen zu Liechtenstein gefällt. Im März 1945 folgte noch ein drittes schweizeri- sches Todesurteil - nach Quaderer und Kranz - wegen militärischen Landesverrats gegen einen Liechtensteiner, nämlich gegen Theo Wolfinger von Balzers. Überdies war auch ein Todesurteil gegen den in Liechtenstein lebenden Schweizer Emil Scherzinger ergangen. Kranz und Wolfinger und Scherzinger entgingen der Hinrichtung nur, weil sie während des Krieges nicht in der Schweiz gefasst wurden. Kranz und Wolfinger und ebenso Weh wurden aber nach dem Krieg von den alli- ierten Besatzungsbehörden an die Schweiz aus- geliefert, sie verbüssten dort nach neuen Urteilen teils lange Zuchthausstrafen, so wie etliche wei- tere Liechtensteiner auch. Wieder andere in der Schweiz verurteilte liechtensteinische Spione konn- ten dies vermeiden, indem sie die Schweiz bis zur Verjährung nicht mehr betraten. 
RECHTSSTAATLICHES VERFAHREN? Des Strafrechtlers Peter Noll Untersuchung der Prozesse der 17 in der Schweiz hingerichteten Lan- desverräter, darunter eben Quaderer, zeigt, dass durchwegs rechtsstaatlich korrekt verfahren wur- de. Quaderer wurde nicht einfach rasch gefasst, abgeurteilt und exekutiert. Die Untersuchung wur- de sorgfältig geführt, ebenso die Gerichtsverhand- lung und das Begnadigungsverfahren. Grundsätzlich problematisch aber war und bleibt vor allem, worauf auch Noll hinweist, die verhängte und vollstreckte Todesstrafe. STRAFZWECKE: ARSCHRECKUNG, SÜHNE, GERECHTIGKEIT? Auf was für Strafzwecke zielte die Verhängung der Todesstrafe für Landesverräter? Wurden sie erreicht? Im Vordergrund standen damals Ab- schreckung und Sühne, auch Herstellung von Ge- rechtigkeit. Die Abschreckung diente der Abwehr weiteren Verrats. Die Verrätereien gingen denn auch nach Bekanntwerden der ersten Todesurteile, im Herbst 1942, sogleich auffällig zurück. Das Risiko erschien nun plötzlich als zu hoch, wegen ein paar hundert oder tausend Franken das Leben zu verlieren. Auch Alfred Quaderer, der kein Nationalsozialist war, sondern leichtes Geld im Auge hatte, rechnete während seines Tuns gewiss nie damit, dass er auf dem Richtplatz enden könnte. Sühne wurde gefordert, für den als niederträch- tig gewerteten Verrat, der die Existenz des Landes und das Leben seiner Bewohner gefährdete. Für das schwerste Verbrechen, den Verrat, galt die schwerste Sühne, der Tod. Quaderer äusserte Be- reitschaft zu «sühnen», aber nicht mit dem Tod. Gerechtigkeit schien aber dem Gericht, den Behörden, der Bundesversammlung und der Öf- fentlichkeit in den schwersten Fällen erst durch den Tod des Verräters wiederhergestellt, waren doch gleichzeitig Hunderttausende in Angst um ihr Leben, auch bereit zum Einsatz des Lebens für die 137
        

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