LANDESVERRAT: DER FALL DES 1944 IN DER SCHWEIZ HINGERICHTETEN ALFRED QUADERER / PETER GEIGER Verfolgen wir den Gang von Quaderers Begnadi- gungsgesuch genauer. In seinem persönlichen Begnadigungsgesuch machte Quaderer sein jugendliches Alter, seine ausländische Nationalität und besonders sein um- fassendes Geständnis, das zur Aufklärung der ganzen Spionagesache sehr beigetragen habe, gel- tend. Er hoffte dadurch auf Strafmilderung, jeden- falls Umwandlung des Todesurteils. Sein Pflichtverteidiger, Dr. Zollikofer, der schon im Prozess auf lebenslanges Zuchthaus statt der Todesstrafe plädiert hatte, argumentierte zuhan- den des Armeeauditors für Begnadigung: Die Be- gnadigungsinstanz dürfe den Fall anders behan- deln als das Gericht, sie könne «rein menschliche Werte und ethische Momente berücksichtigen», sie dürfe Gnade walten lassen, ohne die Autorität des Gerichts zu verletzen. Zollikofer wies darauf hin, dass mit Quaderer erstmals ein Ausländer durch ein Schweizer Militärgericht zum Tode verurteilt würde. Bezüglich von Kurt Roos, den Zollikofer ebenfalls vertrat, verwies er ebenfalls auf dessen volles Geständnis, auf die Reue sowie den - für Quaderer freilich belastenden - Umstand, «der junge Roos habe völlig unier dem Einfluss des Quaderer gestanden». Der Armeeauditor - dies war damals Oberstbriga- dier Jakob Eugster - referierte diese Verteidiger- argumentation zwar dem EMD weiter, beantragte aber ebenfalls Ablehnung der Gesuche von Quade- rer wie von Roos. Das Eidgenössische Militärdepartement (EMD) wiederum erstattete seinerseits am 24. April 1944 Bericht und Antrag zuhanden des Bundesrates. EMD-Vorsteher war seit Ende 1940 der freisinnige Bundesrat Karl Kobelt. Aus dem Rheintal stam- mend und in St. Gallen aufgewachsen, war Kobelt 1933 bis 1940 St. Galler Regierungsrat, 1939/40 auch Nationalrat gewesen. Im Militär war er Ge- neralstabsoberst. Das EMD schloss sich dem An- trag des Armeeauditors an und empfahl dem Ge- samtbundesrat ebenfalls Ablehnung der beiden Gnadengesuche. Es argumentierte gegenüber den Überlegungen des Verteidigers - die es ebenfalls weitergab -, die Begnadigungsbehörde dürfe der 
Strafjustiz nicht in den Arm fallen, besonders wenn es um die höchsten Güter, um Erhaltung und Ver- teidigung des Staates selbst, gehe. Das Territorial- gericht 3b habe bei Quaderer den Urteilsspruch «wohl erwogen», indem es nämlich unter den zahl- reichen im gleichen Verfahren Beurteilten den Liechtensteiner Josef Arnold Vogt, den Italiener Pietro Rossi und die zwei Schweizer Funkersolda- ten Willy Hürlimann und Georg Ursprung nur zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt habe, während aber für Quaderer, so das EMD, galt: «Die Schwere der Verfehlungen und das verletzte Interesse verlangen die volle Anwendung der Schärfe des Gesetzes und damit den Vollzug der Todesstrafe.» Und nach ähnlichen Erörterungen zu Roos, des- sen «raffinierte», «von einem stark verbrecheri- schen Willen» zeugende Taten ebenfalls wesentlich schwerer wögen als jene der lebenslänglich Ver- urteilten, schloss das EMD seine ablehnende Stel- lungnahme zu den Gnadengesuchen von Quaderer und Roos buchstäblich vernichtend: «Staat und Armee können nur durch die Vernich- tung solch niederer und gemeiner Kreaturen vor weiterem Schaden geschützt werden. Milde und Gnade Hesse sich hier nicht rechtfertigen und müsste als Schwäche ausgelegt werden.» Auch das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepar- tement (EJPD) war zur Stellungnahme zuhanden des Bundesrates eingeladen, es erstattete einen «Mitbericht» zum obigen EMD-Antrag. Geführt wurde das EJPD seit 1941 vom konservativen Bundesrat Eduard von Steiger. Er war Berner und Exponent der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB, heute SVP). Der EJPD-Mitbericht argumen- tierte: Es stelle sich die Frage, ob Gründe zur Mil- de, um «Gnade für Recht zu setzen», vorlägen. Die schweizerischen Strafgesetze gäben den Richtern bereits weitgehende Möglichkeiten, die Strafe ab- zustufen. Die Verletzungen militärischer Geheim- nisse durch Quaderer seien «ausserordentlich schwer». Er habe von Juni 1941 bis zum 1. Januar 1943 spioniert, über eineinhalb Jahre lang, aktiv, initiativ, Komplizen werbend, für eine Spionage- 125
        

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