auch noch Nachbarschaften mit gemeinsamem Grundbesitz. Dieser Boden wurde jedoch (späte- stens) im frühen 19. Jahrhundert zwischen den betreffenden Nachbarschaften aufgeteilt. So ent- standen auch die Grenzen zwischen den heutigen politischen Gemeinden. Das Bewusstsein der liechtensteinischen Bevöl- kerung wurde noch weit bis in das 20. Jahrhundert von den sogenannten «drei Landesnöten» Föhn, Rhein und Rüfe geprägt.199 Solche Naturereignisse hatten logischerweise auch einen Einfluss auf die Landwirtschaft, den Handel und Verkehr. Rhein- überschwemmungen behinderten oder verunmög- lichten den Floss- und Fährverkehr, der Nieder- gang einer Rüfe konnte einen wichtigen Verbin- dungsweg unpassierbar machen.200 BEVÖLKERUNGSENTWICKLUNG Da die Rheintalebene oft von Überschwemmun- gen heimgesucht wurde, entstanden die ersten menschlichen Siedlungen im Gebiet des heutigen Fürstentums Liechtenstein an etwas erhöht gele- genen Orten. So befanden sich die ältesten in Liechtenstein nachgewiesenen Siedlungen auf den Anhöhen des Eschnerbergs.201 Die späteren Ort- schaften entwickelten sich meist ebenfalls in leicht erhöhter Lage, so am Eschnerberg die Ortschaften Gamprin und Schellenberg, sowie die zu Eschen gehörenden Weiler Mösma und Schönabüel.202 In Nord-Süd-Richtung schneidet ein massiver Berg- kamm das liechtensteinische Territorium in zwei ungleiche Hälften: Westlich liegt das Rheintal mit den traditionellen Siedlungsgebieten, östlich liegen die Bergtäler und Alpengebiete. Dem westlichen Saum dieses Berghanges entlang verläuft die seit der Römerzeit bezeugte Durchgangsstrasse. Ent- lang dieser Transitroute entstanden im Oberland die Siedlungen Balzers, Triesen, Vaduz und Schaan, sowie im Unterland die Ortschaften Nen- deln und Schaanwald. Die Oberländer Ortschaften stiegen im frühen 19. Jahrhundert zu politischen Gemeinden auf - ein Schritt, welcher den Ortschaf- ten Nendeln und Schaanwald nicht gelang. Diese 
beiden Unterländer Siedlungen sind heute noch Bestandteile der Gemeinden Eschen beziehungs- weise Mauren. Die ältesten quantitativen Angaben über die in den Herrschaften Schellenberg und Vaduz lebende Bevölkerung stammen aus der Zeit um 1600.203 Peter Kaiser schätzt, dass damals rund 3 800 Men- schen in den beiden Flerrschaften wohnten. Dabei betrug die Einwohnerzahl in der Grafschaft Vaduz etwa 2 500 sowie in der Herrschaft Schellenberg rund 1300 Personen.204 Für das 17. Jahrhundert sowie für weite Teile des 18. Jahrhunderts liegen keine statistischen Angaben vor. Als gesichert gilt hingegen, dass im Zuge der Hexenprozesse im Zeit- raum 1648 bis 1680 in beiden Landschaften zusammen zirka 100 bis 150 Menschen verurteilt und hingerichtet wurden.205 Auch starben im 17. Jahrhundert viele Menschen an der Pest.206 Folg- lich dürfen wir annehmen, dass in diesem Zeit- raum das Bevölkerungswachstum stagnierte oder sogar rückläufig war. Das im Jahre 1719 aus den beiden Herrschaften Vaduz und Schellenberg gebil- dete Reichsfürstentum Liechtenstein umfasste ein Territorium, welches ungefähr 4 000 Einwohne- rinnen und Einwohner zählte. Leicht verbesserte Lebensbedingungen ermöglichten im 18. Jahrhun- dert ein Anwachsen der Bevölkerung.207 Doch erst im Jahre 1783 ordnete der Fürst von Liechtenstein eine offizielle Volkszählung an. Dieser Entscheid traf - wie eine zeitgenössische Quelle berichtete - auf grossen Argwohn seitens der Bevölkerung: «Im Maien [1783] kam von Sr. Durchlaucht, un- serem gnädigsten Landesfürst Befehl und Nach- richt von Wien, dass man solle alle Leute auf- schreiben in der ganzen Herrschaft, Kleines und Grosses besonders, auch die Witwen und Knaben besonders. Aber die Bauern sperrten sich lange und wollten nicht darauf eingehen, sie vermeinen, dass es etwas Böses bedeute. »2Ü8 Es war dies der erste amtliche Versuch, mög- lichst die gesamte Bevölkerung statistisch zu er- fassen. (Ältere Erhebungen umfassten stets nur eine Bevölkerungsminderheit, z. B. Hausbesitzer, Steuerzahler und wehrpflichtige Männer. Detail- lierte demographische Untersuchungen erlauben 44
        

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