ist auch die Gründung des Kapuzinerklosters um 1650 von Bedeutung. Die Kapuziner hatten eine wichtige Funktion bei der Rekatholisierung der Stadt sowie bei der Förderung der Volksfrömmig- keit. Die Patres waren aber auch unbeliebt, da sie teilweise die Strafjustiz der Obrigkeit ausübten. So zogen sie die Geldbussen ein bei Entehrung der Sonntagsruhe, unerlaubtem Tanz, etc. Es musste auch Zwangsarbeit für die Kapuziner geleistet wer- den, und Übeltäter wurden zur Beichte bei ihnen gezwungen. Das Kapuzinerkloster wurde in die Unruhen von 1723/24 hineingezogen; der Stadtrat verschanzte sich dort nach dem Gottesdienst- besuch vor aufständischen Bürgern, die sich auf- grund zahlreicher Ungereimtheiten geweigert hat- ten, die Steuern zu bezahlen. Trotz des Scheiterns dieses Aufstandes waren die Tage des selbstherr- lichen Stadtregiments unter der Führung einzelner weniger Familien gezählt. Der weitgehend durch wirtschaftliche Krisen bedingten Unzufriedenheit der Bürgerschaft wurde dann im Zeitalter der Auf- klärung (1730 bis 1814) vermehrt durch Reformen Rechnung getragen. Mit dieser Zeit der Aufklärung befasst sich der Beitrag von Wolfgang Scheffknecht. Er leitet ein mit Ausführungen zur Bevölkerungsstruktur der Stadt im 18. und frühen 19. Jahrhundert. Auffallend ist — so Scheffknecht - der geringe Männeranteil an der Bludenzer Gesamtbevölkerung in diesen Jahren. Er ist Ausdruck der bekannten «Schwabengängerei». Trotz der starken agrarischen Verankerung von Bludenz gab es nicht ein Auskommen für alle, und «ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung war gezwungen, ihren Nahrungserwerb in der Fremde zu suchen» (S. 285).3 So kam es zu einer meist saisonal begrenzten Auswanderung von Bludenzer Männern. Ansonsten hielt sich aber eine definitive Ab- und Zuwanderung von und nach Bludenz im 18. und frühen 19. Jahrhundert in engen Grenzen. Eine Bewilligung zur Niederlassung in der Stadt wurde ohnehin nur gewährt, wenn die betreffen- den Personen über ansehnliche Summen an Bar- geld verfügten. Man wollte die latent vorhandenen sozialen Spannungen nicht noch durch den Zuzug von mittellosen Menschen verstärken. Wolfgang 
Scheffknecht legt in seinem Beitrag den Schwer- punkt auf die sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Entwicklung von Bludenz, er fügt aber ein ebenso interessantes Kapitel hinzu über «Kultur, Alltag, Mentalitäten», in welchem er aufzeigt, wie stark das Denken der Bludenzerinnen und Bludenzer im ausgehenden 18. Jahrhundert «noch tief in magi- schen Vorstellungen befangen» war (S. 404). Es scheint, dass der Geist der Aufklärung noch keinen direkten Einfluss auf das gewöhnliche Volk hatte und vorerst lediglich auf politischer Ebene eine Professionalisierung und Reform von Rechtspre- chung und Verwaltung bewirkte. Die bis anhin schwerwiegendsten Neuerungen und Veränderungen in Bludenz erfolgten dann im 19. Jahrhundert. Dieser Prozess der Industriali- sierung wird von Hubert Weitensfelder im letzten Beitrag des Buches unter dem Titel «Der Tunnel und die Arbeit» eingehend beschrieben. Bei der Entwicklung der Textilindustrie war Bludenz im Vergleich zur Ostschweiz und zum Vorarlberger Unterland etwas im Hintertreffen. Grosse Bedeu- tung bei der Entwicklung der Baumwollindustrie gewann dann die 1818 gegründete Firma Getzner, Mutter und Cie.: Sie gründete beispielsweise 1820 eine mechanische Spinnerei am Bludenzer Brun- nenbach. Zwölf Jahre später erfolgte am selben Ort die Einrichtung einer Papierfabrik. Die Bürger- meister von Bludenz waren im 19. Jahrhundert durchwegs selber Gewerbetreibende, später (ab 1844) auch Teilhaber an den neu gegründeten Fabriken. Damit wurde die Industrialisierung auch politisch forciert. Von enormer Bedeutung war schliesslich der Eisenbahnbau, 1872 wurde die Vorarlberger Bahn fertiggestellt, 1880 bis 1884 folgte der Bau der Arlbergbahn mit dem Arlberg- tunnel. Im Zuge einer zweiten Industrialisierungs- welle wurden weitere neue Betriebe gegründet, so um 1880 die Brauerei Fohrenburg, 1888 eine Zweigstelle der Schokoladenfabrik des Philippe Suchard von Serrieres (NE) sowie 1903/04 die Uhrenfabrik Obrecht. Für den Eisenbahnbau, aber auch für die Fabrikarbeit, wurden zusätzliche Ar- beiterinnen und Arbeiter aus dem Trentino ange- worben, die in grosser Zahl kamen. Währenddem 238
        

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