REZENSIONEN GESCHICHTE DER STADT BLUDENZ Der Übergang von Bludenz an Österreich erfolg- te 1420. Karl Heinz Burmeister beleuchtet in sei- nem Beitrag «das Gesicht der Stadt» ebenso wie «die Geschichte der Stadt» von diesem Zeitpunkt an bis ins Jahr 1550. Die Bludenzer erhielten am 3. Mai 1420 ihre althergebrachten Rechte und Freiheiten von Österreich bestätigt. Die nun engere Anbindung von Bludenz an das Tirol belebte den durch Bludenz führenden Arlbergverkehr erneut. Die Stadt war auch Standort einer Zuschg, wo die im Rodverkehr ankommenden Waren bis zu ihrem Weitertransport aufbewahrt wurden.2 Bludenzer Bürger mit Ross und Wagen konnten sich mit der Teilnahme am Rodfuhrwesen einen lukrativen Zusatzverdienst sichern. Trotzdem stand Bludenz stets im Schatten der wirtschaftlich bedeutenderen Stadt Feldkirch. Die Bevölkerung überschnitt auch nie die Zahl von 500 Personen, zudem kam es in der Reformationszeit zu einer nennenswerten Ab- wanderung von lutherisch gewordenen Akademi- kern. Die Reformation war auf fruchtbaren Boden in Bludenz gestossen. Der gebürtige Bludenzer Lu- zius Matt hatte in Wittenberg studiert und verbrei- tete in seinem späteren Wirken lutherische Schrif- ten in Vorarlberg und Tirol. Obwohl die inzwischen «guett lutterisch» gewordene Stadt Bludenz sich hinter ihren Reformator stellte, wurde Matt auf österreichischen Druck hin verhaftet und des Lan- des verwiesen. Er emigrierte in die Schweiz. Zu- dem hatte der von Humanismus geprägte Kaplan Thomas Gassner im Kloster St. Peter die lutheri- sche Lehre verbreitet, auch er musste Bludenz ver- lassen. Es gelang ihm die Flucht nach Lindau, wo er sich als Erneuerer des Schulwesens sowie als Gründer der Stadtbibliothek einen Namen machte. Auch andere Gelehrte und Theologen kehrten 1524/25 der Stadt Bludenz den Rücken zu. Für Karl Heinz Burmeister ist gerade Thomas Gassner ein «beeindruckendes Beispiel dafür, welche Chan- cen in Vorarlberg mit der Bekämpfung und Aus- weisung so vieler Theologen vertan worden ist und welch geistigen Aderlass das Land durch diese Politik erlitten hat» (S. 138). Gegenreformation und Absolutismus beengten das geistige Leben, gerade auch in Bludenz, an die Stelle der Freiheit des 
Evangeliums war in der Stadt 1545 eine neue Po- lizeiordnung getreten. «Der Spielraum für die Ver- wirklichung städtischer Freiheiten war sehr klein geworden. Durch den , beson- ders durch den Rückgang des Arlbergverkehrs, durch Missernten und Pest war Bludenz 1548, in materieller wie in geistiger Hinsicht ein Trümmer- feld geworden» (S. 160). Diese schwierige Situation in der Frühen Neuzeit, verbunden mit der agra- rischen Struktur der von einer kargen Gebirgsland- schaft umgebenen «Alpenstadt», schien auch den Charakter der Menschen hier geprägt zu haben: «Im Bludenzer Alltag herrschten rauhe und grobe Sitten, worüber die Frevelbücher reichlich Aus- kunft geben. Die persönliche Ehre war ein sehr hoch geschätztes Gut; man war sehr empfindlich und leichtverletzt» (S. 118). Der vierte Beitrag stammt von Manfred Tschaik- ner und befasst sich mit «Bludenz im Barock- zeitalter (1550-1730)». Aufschlussreich sind seine Ausführungen zur Zusammensetzung der Bevölke- rung in den einzelnen Stadtvierteln. Die reichsten Bludenzer lebten in der Kirchgasse, auch Obertor- gasse genannt, in unmittelbarer Nähe von Pfrund- haus und Spital. Die ärmere Bevölkerung hingegen lebte in der Sturnengasse und auch in der Mühl- gasse, die beide einen mehr ländlichen Charakter aufwiesen. Die reichen Kirchgässler entrichteten zum Beispiel 1675 einen rund achtmal höheren Steuerbeitrag als die Bewohnerinnen und Bewoh- ner der Sturnengasse, was auf grosse soziale Un- terschiede hinweist. Die Familie Zürcher besass damals 30,7 Prozent des gesamten Vermögens der Stadt, weitere 45,7 Prozent teilten sich neun an- dere Patrizierfamilien, währenddem die übrigen 110 Familien über die restlichen 23,6 Prozent des Besitzes verfügten. Die kleine reiche Oberschicht stand in enger Verbindung zum Kloster St. Peter, dessen Verhältnis zur Stadt allerdings infolge Strei- tereien über Nutzungsrechte von Grund und Boden immer wieder getrübt war. In kirchlicher Hinsicht 2) Zum Rodfuhrwesen siehe auch die Arbeit von Klaus Biedermann auf'S. 7 bis 184 in diesem Jahrbuch. 237
        

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