REZENSIONEN DIE SCHWABENGÄNGERIN und des städtischen Milieus. Schattenseiten tun sich auf. Unterschwellig übte Regina Lampert Kritik an Personen, auch an ihrem Vater, der ihre Leistung nicht recht anerkennt und nur schwer «danke» sagen kann. Sie übte die Kritik ohne Bit- terkeit, weil sie schon früh wusste, dass sie auf sich selbst gestellt war und sich nur auf sich selbst verlassen konnte. Dazu war sie selbstbewusst und entscheidungsfreudig genug. Sie ängstigte sich jedoch etwas, weil sie sich wie eine unstete Zigeu- nerin vorkam, weil sie eine Unruhe in sich spürte, die sie dauernd weiter trieb. Regina lernte, sich durchzusetzen. Dieser Prozess lässt sich im Text leicht verfolgen. Hier liegt einer der wichtigen Aspekte der «Erin- nerungen», die vom Herausgeber als «Entwick- lungsgeschichte aus dem kleinbäuerlichen Milieu» (Rückseite) bezeichnet werden. Regina Lampert setzte sich mit ihrer Welt, in der sie gerade lebte, auseinander, sie machte einen persönlichen Reife- prozess durch. Die Arbeitswelt war (auch) Lebens- schule. Diese überstand sie erfolgreich, weil sie grosse Lebenslust an den Tag legte, Humor, weil sie Neues nicht scheute, pragmatisch war, weil sie sich freuen wollte und sich Problemen mutig stellte. Die «Erinnerungen» legen einen wichtigen Aspekt offen, indem sie ein differenzierteres Bild von den Schwabenkindern (heute würde man von saisonaler Arbeitsmigration sprechen) vermitteln. Zwar wird von den beschwerlichen Verhältnissen erzählt, von harter Arbeit, Ausbeutung, Einsamkeit und Heimweh, von Diskriminierung, aber ebenso wird das Wachsen des Selbstbewusstseins und die Stärkung des Behauptungs- und Durchsetzungs- willens heranwachsender Jugendlicher deutlich. Erfahrung, die man bewältigt, macht stark. Die «Erinnerungen» vermitteln uns deshalb, wie der Herausgeber in der Einleitung schreibt, auch das «Bild einer über die ökonomischen Zwänge hinaus dynamischen und unternehmungslustigen Jugend- kultur» (S. 25). Die Schilderungen Regina Lamperts sind, was ihre Lebenswelt betrifft, in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich. Die alltägliche Lebensart vor rund hundert Jahren wird offenbar: die grosse Mobilität 
breiter Schichten, Selbstversoi'gung in der Er- nährung, die einfache Bekleidung, das Laub- oder Strohbett. Beim Essen und Trinken wurde zwi- schen gross und klein nicht unterschieden, auf der anderen Seite wurde von den Kleinen aber auch eine Arbeitsleistung wie von den Grossen verlangt. Bei einer Erkrankung musste oft genug Ersatz aus der Familie gestellt werden. Dass der Lohn dem Vater (oder den Eltern) abzuliefern war, und dafür kein ausdrücklicher Dank erwartet werden konnte, war selbstverständlich. Trotz aller Arbeit blieb Raum für Geselligkeit, jugendliche Ausgelassen- heit, Treffen mit Freundinnen oder bei Musik und Tanz. Der Besuch von Wirtshäusern war für die Kinder selbstverständlich, auch sie tranken Bier, Wein und Most. Es sei hier ergänzend beigefügt, dass manchmal im Dienstvertrag zwischen Bauer und Schwabenkind vereinbart wurde, dass das Schwabenkind «täglich einen Brännten eine [Por- tion Schnaps]» zugute hatte (vgl. F. Pieth, in: Bünd- ner Monatsblatt 1946, S. 281). Noch ein weiterer Aspekt ist wichtig. Die Ge- schichte an sich spricht insbesondere den in Vor- arlberg und Liechtenstein ansässigen Alemannen - die Alemannin - an, weil geographisch von der nächsten Nachbarschaft erzählt wird. Die um- gangssprachliche und anschauliche Prosa ist dem Stoff, der erzählt wird, angemessen. Die Sprache heimelt uns an, der Wortschatz ist vertraut, der Gebrauch des Akkusativs entspricht unserem Dialekt. Wenn Regina fortgeht, nimmt sie «der Rucksack und der Stock», sie grüsst «der Vater» und wartet auf der Landstrasse auf «ein Fuhr- mann», der sie ein Stück weit mitnimmt. Regina «... legte der Hut ab» und «streichelte der Hund». Man liest Wörter wie «brüla» und «rära» (weinen), «Dottel» (einfältige Person), «Base» (Tante oder Cousine), «Gstältle» (Oberleibchen, Brustbeklei- dung), «Grundbirne» (Kartoffel), «kiba» (schimp- fen, schnorra) und viele andere. Dann wieder liest man sprachliche Fragmente wie: «den ganzen Tag werd i mi heut freuen» oder entdeckt aus dem schweizerischen Wortschatz «Das seit Dir, wo dure», «Muette», «Meitschi» und etwa auch «po- sten» für einkaufen (kroma, krömla). Dialekt und 233
        

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