lor seine Brieftasche, in der sich neben einigen hundert Gulden freizügige Fotos von bekannten Köpfen der «besseren» Gesellschaft befanden. Re- gina fand sie zufällig - und war schockiert und ent- täuscht. Von Maria Grün aus besuchte sie gelegent- lich auch Mauren in Liechtenstein, wo Geschwister der Wirtin wohnten, denen sie beim «Türken schä- len, Hanf schleissen, Bohnen aushülsen u.s.w.» (S. 341 f.) half. Nach einem längeren Aufenthalt zuhause, wo die Mutter und zwei Geschwister krank waren, bekam Regina Lampert eine gute Stelle als Dienst- magd in Feldkirch beim Fabrikanten Eduard Frei und dessen Frau Genovefa, einer Modistin. Regina lebte erstmals in einer Stadt, in einem bürgerlichen Milieu. Sie arbeitete als Köchin und Kinder- mädchen, führte den Haushalt und trug Hüte aus. Sie erlebte den Tod eines Kindes wie auch eine Hochzeit. Vieles blieb ihr in Erinnerung: die Eröff- nung der Eisenbahn von Feldkirch über Schaan- wald, Nendeln und Schaan nach Buchs, die gesel- ligen Treffen am Stadtbrunnen, um den sich ein Informationszentrum der Dienstboten und Mägde bildete, weiter ein Hauskauf, dann der Reitunter- richt durch einen Untermieter der Familie Frei und ein Ausritt nach St. Gerold und Schnifis. Der Tod ihrer Mutter Augustina beschloss den Feldkircher Lebensabschnitt Regina Lamperts. Anschliessend zog sie, weil sie das versprochen hatte, zu ihrem Bruder, der in der Nähe von St. Gal- len ein Baugeschäft eröffnet hatte, das er seit 1893 in Zürich weiterführte. In St. Gallen lernte Regina 1880 den Kondukteur Benedikt Bernet aus Sirnach kennen, den sie im Februar 1881 heiratete. Der wenig glücklichen Ehe entsprossen vier Töchter. Ihr Mann, der in das Baugeschäft des Schwagers gewechselt hatte, verstarb schon 1899. In Zürich entwickelte Regina, die sich in St. Gallen weiter- gebildet hatte, unternehmerische Initiativen als Or- ganisatorin im Baugeschäft, Immobilienhändlerin, als Wirtin und Modistin. Schliesslich betrieb sie eine Pension. Regina Lampert verstarb am 24. Januar 1942 in Zürich. Die publizierten Teile der «Erinnerungen» Regi- na Lamperts umfassen die Zeit bis zum Weggang 
aus Feldkirch. Wie ihre Tochter Berta Augustina Bernet schrieb, sind die in der Publikation weg- gelassenen «wenigen niedergeschriebenen Erleb- nisse aus der Schweiz ... nicht mehr von der glei- chen Ursprünglichkeit, es fehlt ihnen der heimat- liche Boden» (S. 429). Das Erinnerungsvermögen Regina Lamperts ist beeindruckend. Zwar weist der Herausgeber ver- schiedene chronologische Verzerrungen und sach- liche Ungenauigkeiten nach, jedoch sind die Schil- derungen der Erlebnisse und Eindrücke einpräg- sam und abgerundet. Erzähllust und Fabulier- kunst, für die sie auch in ihren «Erinnerungen» oftmals gelobt wird, eine genaue Beobachtung des Geschehens, Menschenkenntnis und eine gewisse Altklugheit fügen sich zu einer spannenden Ge- schichte mit recht plastischen Figuren. Die unmittelbaren Gedanken des Mädchens und der jungen Magd Regina sind nicht immer klar von den aufgrund der Lebenserfahrung gewonne- nen abgeklärten Einsichten der erwachsenen Frau trennbar. Das Mädchen Regina tritt uns, obwohl sie manchmal ängstlich ist, als klug entgegen, als mutig, als selbstbewusst, als der Lage gewachsen. Sie hat die Situationen im Griff und weiss, was zu tun ist. Im ersten Jahr im Schwabenland geht für das kleine Mädchen eine andere Welt auf, obwohl auch sie fast nur aus Arbeit zu bestehen scheint. Diese Zeit wirkt trotz einschneidender Erlebnisse als einigermassen idyllisch, jedoch wird sie weder idealisiert noch romantisch verklärt. Es gab die gute alte Zeit auch damals nicht. Die Veränderun- gen in der Arbeitswelt werden spürbar und in ver- schiedenen Bemerkungen fassbar. Widersprüche tun sich auf. So etwa distanzieren sich die selber meist völlig überarbeiteten Bauernmägde abschät- zig von den vielfach ausgebeuteten Fabriklerinnen, «die so bleich und mager sind und selbst in den Sonntagskleidern noch von Öl riechen». Die «Erinnerungen» geben Einblicke in diese Stimmungen, in den Alltag, in Machtverhältnisse, beengte Wohnmöglichkeiten, Bauern-, Bürger-, Knechte- und Mägdeleben, in kleine und grosse Freuden und Leiden der ländlichen Gesellschaft 232
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.