REZENSIONEN DIE SCHWABENGÄNGERIN te und die sie schwer verdaute. Es wurde ihr letzter Sommer im Schwabenland: «Es ist mir gänzlich verleidet. Das war kein schöner Sommer, ich hatte recht viel Unangenehmes erlebt» (S. 184). Den anderen Sommer verbrachte Regina Lam- pert am Frastanzerberg auf einem kleinen Hof bei einem braven Kleinbauern und dessen Frau, «nicht viel grösser als ich, kugelrund, dicker als gross, wenns umfallen würd an einem Bühel, das würde hinunterkugeln» (S. 198), und ihren zwei Kindern - ein drittes war unterwegs. Das Mädchen konnte seine Kenntnisse aus dem Schwabenland, wie Regina Lampert mit spürbarem Stolz erzählt, an- wenden, vom Schweinefüttern bis zum Melken, vom Kochen bis zum Wöchnerinnen- und Kinder- betreuen - ja, es konnte doch fast alles «besser oder wenigstens so gut wie die beiden, der Mann und das Fraule, nur noch flinker» (S. 199). Dass Regina auch melken konnte, verschwieg sie jeweils so lange als möglich, weil sie diese anstrengende Muskelarbeit nicht mochte. Auch mit der Alpwirt- schaft wurde sie nun bekannt gemacht, mit Berg- heuen und Obstverkauf. Zum ersten Male kam sie nach Feldkirch zum Markt, wo sie Käse und Butter in «ein Pfund-Bällele» an die Kundschaft brachte. Viel Spass hatte sie an den Buben-Zwilchhosen und dem Bubenhemd, die sie zur Arbeit anzog - sie spürte dadurch «noch viel mehr Unternehmungs- geist» (S. 213) und fühlte sich darin «so stark» (S. 215). Damals kam sie auch mit Fabriken (Rot- färberei und Baumwolldruckerei in Satteins), wo sie Obst verkaufte, und den «Fabriklern» in Kon- takt. Später traf sie die «so armen Fabrikmädchen, die so bleich und mager sind und selbst in den Sonntagskleidern noch nach Öl riechen» (S. 241). Regina gefiel es bei der Bergbauernfamilie, und doch hatte sie «wieder Sehnsucht heimzugehen und aufs Frühjahr wieder an einem anderen Platz. Es gefällt mir nie lang am gleichen Ort» (S. 219). Auch wollte sie wieder in die Schule, «ich kann noch nicht so viel, es ist noch gross nötig» (S. 220). Nach einem weiteren Schuljahr (Winterschule) war für Regina die Schulzeit vorbei. Sie kam nach Ludesch auf einen kleinbäuerlichen Hof. Der Bauer, ein grosser, magerer, jüngerer Mann, machte auf 
sie keinen guten Eindruck. Das Mädchen bestand auf einer Probezeit und sagte sich selbstbewusst, «der ist viel dümmer als gross, mit dem werd ich schon auskommen, der wird mir schon folgen müs- sen» (S. 225). Sie brachte die verwahrloste Vieh- wirtschaft und den gutmütigen, aber faulen Bauern auf Vordermann. Sie sagte dem Bauern, «wo dure» (S. 234), sie «musterte» (S. 236) ihn und trieb sol- chen Schalk mit ihm, dass er glaubte, sie sei «halt doch ein Tüfel» (S. 237). Zum Tages- und Wochenablauf der heranwach- senden Jugendlichen trat zunehmend nun ver- mehrt mehr die ländliche Geselligkeit, ein erstes «Busserl» (S. 241), Formen der Volksreligiosität, Bigotterie, aber wie immer viel Arbeit: Türken- stecken, hänfen, Kartoffeln graben und häufeln und viele andere Arbeiten des bäuerlichen Alltags. Regina Lampert galt in Ludesch, wo «die Leut eine grosse Achtung» vor ihr gewannen, als «Courage- madel» (247 f.). Sie selbst war «natürlich auch recht stolz auf [sich] und hab eine Meinung vor mir wie ein Truthahn» (S. 248 f.). Die nun 15-jährige Regina verliess den Ort, wo sie auch der Pfarrer gern als Wirtschafterin gehalten hätte, schon nach einem Sommer. Zum Abschied gab es Tränen, die man mit dem «Fazanetli» (= Taschentuch, Schnopf- tüachle) trocknete. Vom Lohn, 27 Gulden, erhielt Regina vom Vater erstmals einen Gulden zur eige- nen Verwendung zurück. Mitte November 1870 kam sie zusammen mit ihrem Bruder in das Ausflugsgasthaus Maria Grün bei Feldkirch. Die sonst rechtschaffene Wirtin war streng und unerbittlich, der Wirt ein «seelenguter Mann» (S. 278). Regina half in der Wirtschaft, traf Jäger aus der Schweiz (meistens Fabrikherren und Revierpächter), die solange in die Nacht zechten, bis sie den «Knieschnapper» hatten, und denen das Mädchen dann nächtens durch den stockfinste- ren Wald heimleuchten musste - oft bis Feldkirch. Sie hatte Kontakt mit den Professoren der Stella Matutina und befreundete sich mit einem Klausner auf dem Margarethenkapf. Erlebnisse mit einer Wiener Adelsgesellschaft, mit Wirtin und Wirt so- wie musizierenden Kapuzinern runden die Erzäh- lungen ab. Einer der Feldkircher Professoren ver- 231
        

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