150 JAHRE «KAISER-CHRONIK». EINE REMINISZENZ ARTHUR BRUNHART Vor 150 Jahren erschien im Fürstentum Liechten- stein das erste Buch, das sich mit der Geschichte unseres Staatswesens am Aipenrhein befasste, die von Peter Kaiser verfasste und 1847 in Chur von Friedrich Wassali verlegte «Geschichte des Fürs- tenthums Liechtenstein. Nebst Schilderungen aus Chur-Rätien's Vorzeit». Das Werk steht bis heute in vielen liechtensteinischen Stuben und begründete Peter Kaisers Nachruhm. Das Buch wirkte wie ein Paukenschlag, zumal es am Vorabend der liechtensteinischen Revolution vom März 1848 erschien. Es war in seiner Zeit auch ein politisches Buch, das weit über seine Zeit hinaus nachwirkte. Das Werk traf auf ein Land, das auf sich selbst beschränkt war und wenig an kol- lektiver Erinnerung aufwies. Die Liechtensteinerin- nen und Liechtensteiner bildeten damals, wie Peter Kaiser in seinem Brief «An meine Landsleute» vom 25. November 1848 schrieb, «ein kleines armes und in vielen Dingen unwissendes Völklein». Die Landsleute spürten aber, so Peter Kaiser im Vor- wort, den Wunsch zu «wissen, woher sie stammen, wie es ihren Vorfahren ergangen, und wie sie in den Stand gekommen, in dem sie sich dermalen befänden». Die Erinnerung ist für das Geschichts- bewusstsein von besonderer Bedeutung. In einem geschichtslosen Land, schreibt der Historiker Mi- chael Stürmer, gewinnt derjenige die Zukunft, der die Erinnerung füllt, die Begriffe prägt und die Ver- gangenheit deutet. Peter Kaiser hat sich dieses Ver- dienst für das Fürstentum Liechtenstein erworben. Mit seinem Buch weckte er die Erinnerung und, um mit seinen eigenen Worten zu sprechen, das Na- tionalgefühl, «welches allein zu grossen Dingen führt». Peter Kaiser wollte «in einem anschaulichen Gemälde die entschwundenen Zeiten und Dinge vor Augen» stellen. Das zentrale Iliema war die Geschichte des liechtensteinischen Volkes, der Kampf um seine Rechte, der Weg, den Land und Leute in der Geschichte zurücklegten. Das Erschei- nen des Buches löste bei der Vaduzer und Wiener Obrigkeit Unruhe aus, der Verkauf wurde unter- sagt. Man liess die greifbaren Bücher einsammeln. Schliesslich wurde das Buch zugelassen, es durfte 
aber weder im Kleinhandel verkauft noch praktisch genutzt werden, ebenso wenig für den Schulun- terricht. Noch um 1900 wurde das Buch, wie Rupert Ritter berichtet, «von den Landesbehörden als verfemt betrachtet und die Exemplare nach Möglichkeit eingesammelt». 1923 dann gab der Historische Verein für das Fürstentum Liechten- stein eine von Prälat Johann Baptist Büchel er- arbeitete zweite verbesserte Auflage des Werkes heraus, diesmal unter dem Titel «Kaisers Chronik von Liechtenstein». Damit war die landläufig üb- liche Bezeichnung «Kaiser-Chronik» festgeschrie- ben. Diese zweite Auflage, die der Verein Fürst Johann II. von Liechtenstein, dem «hochherzigen Freund und Förderer der vaterländischen Ge- schichtsforschung» widmete, hat zwar manche Aussagen der Originalausgabe verbessert, inhalt- lich aber auch fragwürdige Veränderungen vorge- nommen und den Text Kaisers geglättet. 1974 und 1983 kam es zu unveränderten Reprints der Erst- auflage von 1847. Schon Zeitgenossen Peter Kaisers - wie etwa der Vorarlberger Historiker Josef von Bergmann - hatten das Werk mit grosser Anerkennung auf- genommen, gleichzeitig aber bedauert, dass darin keine Quellenangaben gemacht und keine Verweise angeführt worden waren. 1989 publizierte die 1985 errichtete «Peter Kaiser Stiftung» (heute «Ge- dächtnisstiftung Peter Kaiser, 1793-1864») eine neugesetzte Ausgabe der Originaledition von 1847. Diese wurde ergänzt durch eine Einführung in das Leben und das Werk Peter Kaisers sowie einen umfassenden wissenschaftlichen Apparat mit Hin- weisen auf Quellen, Literatur, neue Forschungs- ergebnisse und Entsprechungen in der älteren und aktuellen Forschungsliteratur. Beigefügt sind ausserdem eine umfangreiche Bibliographie, ein Register zu Peter Kaisers Text und die Stammtafeln der seit dem Hochmittelalter im liechtensteinischen Gebiet regierenden Häuser Montfort, Werdenberg, Brandis, Sulz, Hohenems und Liechtenstein. Die Schaffung dieser Neuausgabe hat dazu geführt, dass das Werk Peter Kaisers, das vorher nicht er- schlossen war, in der historischen Forschung Liechtensteins und in der Region gleichsam eine 197
        

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