Schlussbetrachtung Ziel der folgenden Schlussbetrachtung ist es, eine Bilanz der erarbeiteten Ergebnisse dieser Lizen- tiatsarbeit zu ziehen. Ein knapper Überblick, der das Entscheidende in wenigen Worten umreisst, wird hierbei genügen müssen. Die in einem ersten Hauptteil skizzierten Grund- lagen lassen die Behauptung zu, dass Liechtenstein bis ins späte 18. Jahrhundert gute Voraussetzun- gen für den Rodverkehr bot: 1. eine bäuerliche Bevölkerung, die der Viehzucht mehr Aufmerk- samkeit als dem Ackerbau schenkte, sowie 2. die günstige geographische Lage an einem wichtigen Handelsweg, welcher nicht nur die beiden Städte Feldkirch und Chur, sondern in einem grösseren Kontext auch Italien und Deutschland miteinander verband. In einem völlig agrarisch geprägten Liechtenstein waren noch die meisten Bauern Selbstversorger. Folglich konnte weder ein bedeu- tender Binnenhandel noch ein grösserer Marktort entstehen.790 Da es für das Gewerbe ebenfalls kaum eine Entwicklungsmöglichkeit gab, suchten sich viele eine Verdienstmöglichkeit im Rodwesen. Das Rodwesen stellte dabei eine" Form des Wa- renverkehrs dar, bei dem (vereinfacht dargestellt) eine Dorfgenossenschaft die ihr anvertrauten Han- delsgüter bis zum nächsten Dorf transportierte, von wo aus die zweite Dorfgenossenschaft diese Waren wiederum weiterspedierte. Mitglied der Rod- genossenschaft konnte eigentlich jeder Bauer sein, sofern er über ein Saumpferd beziehungsweise über einen Wagen oder ein Zugtier verfügte. Die einzelnen Mitglieder wurden in einer festgesetzten Rod (= Reihe) zum Warentransport aufgeboten. Der Rodverkehr konnte aber nur dann erfolg- reich bestehen, solange Transitwaren das Land passierten. Die liechtensteinischen Rodfuhrleute holten die ihnen als Transportgut anvertrauten Waren in Feldkirch ab und beförderten diese Wa- ren bis nach Maienfeld. Sie profitierten folglich in erster Linie vom Warenverkehr, der über Lindau, den Bodensee und Fussach in Richtung Chur ging. Sie tätigten diese Warentransporte teilweise ge- meinsam mit den österreichischen Rodfuhrleuten, die aus den die Stadt Feldkirch umgebenden Land- gemeinden Altenstadt, Tisis und Tosters kamen. 
Die Rechte und Pflichten, welche die österreichi- sche und die liechtensteinische Seite dabei besas- sen, waren oft nicht klar geregelt und mussten vertraglich immer wieder neu abgesteckt werden. Diese Verträge, die Rodordnungen, waren für alle Vertragspartner verbindlich; sie wurden aber in der Praxis kaum eingehalten. Die häufige Missachtung der Rodordnung konn- te dabei nicht dem schlechten Willen des Fuhrman- nes zugesprochen werden. Als hauptamtlicher Bauer war der Fuhrmann oft - besonders zur Zeit der Heuernte - unabkömmlich und er konnte folg- lich der 1660 festgesetzten Verpflichtung, in der Rod zu allen Zeiten Warentransporte auszuführen, nicht nachkommen. Händler und Kaufleute, in de- ren Auftrag die Rodfuhrleute tätig waren, beklag- ten sich häufig über schlecht oder gar nicht ausge- führte Warentransporte.791 Sie versuchten, wenn möglich, wertvollere und verderbliche Waren im- mer «stracks» als Eilgüter von besonders dafür be- stimmten Fuhrleuten durchführen zu lassen. Diese Stracksfuhrleute legten dabei eine längere Strecke zurück, zum Beispiel die Distanz zwischen zwei grösseren Städten. Das Rodfuhrwesen konnte einen freien und zügigen Warenverkehr nicht gewährleisten und es war folglich den Händlern und Kaufleuten immer mehr ein Dorn im Auge. Diese hatten ihre Verbün- deten in den Flandelsstädten wie Feldkirch und Chur. Sie betrauten auch in ihrem Machtbereich stehende Fuhrleute mit der Warenspedition und mit dem ausdrücklichen Auftrag, sich nicht mehr an die geltende Rodordnung zu halten. So arbeite- ten seit dem 18. Jahrhundert auch die österreichi- sche Obrigkeit und die Stadt Feldkirch immer deut- licher gegen das Rodwesen. Den liechtensteini- schen Fuhrleuten, die stets nur im Rod- und nie im Stracksverkehr tätig waren, wurden die für sie be- stimmten Waren vorenthalten, oder aber sie konn- ten die Warentransporte zwar ausführen, aber Feldkirch verweigerte ihnen die Bezahlung der schuldigen Fuhrlöhne. Liechtenstein begann als Gegenmassnahme damit, die der Rodordnung zuwider handelnden Fuhrleute aufzuhalten. Man lud diesen auch die 140
        

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