In Graubünden besorgten die seit dem 14. Jahr- hundert bezeugten «Porten» den Warenverkehr auf den beiden wichtigsten Nord-Süd-Achsen, der «Oberen Strasse» und der «Unteren Strasse». Die Obere Strasse führte via Lenzerheide und Ober- halbstein nach Bivio und von dort über den Septi- mer ins Bergell (und weiter nach Italien).771 Die Un- tere Strasse verband Chur mit dem Splügen- und San Bernardinopass.772 Noch gemäss Transitord- nung von 1825 wurden in Chur die für Chiavenna bestimmten Kaufmannsgüter durch den «Teiler» in drei gleiche Teile geteilt und ein Drittel den Rodfuhrleuten der Unteren Strasse, das zweite Drittel den Rodfuhrleuten der Oberen Strasse und das letzte Drittel den Stracksfuhrleuten (nicht ei- ner Rodgenossenschaft zugehörige Kantonsbürger) zum Transport übergeben.773 Die nach Bellinzona gehenden Waren teilte der Churer Hausmeister in zwei gleiche Hälften auf, wovon die eine den Rod- fuhrleuten (der Unteren Strasse) und die andere den Stracksfuhrleuten übergeben wurde.774 Noch um 1800 war in Graubünden lediglich die Strecke von der liechtensteinischen Grenze bis Chur zu ei- ner modernen Fahrstrasse ausgebaut.775 Der Druck zum Ausbau der Alpenwege stieg aber ständig. Be- sonders der seit 1760 befahrbare Brenner drohte den Bündner Pässen den Transitverkehr wegzu- nehmen.776 Anstoss zum Ausbau des Strassennet- zes gab schhesslich die der Missernte von 1816 folgende Hungersnot. Das von Übersee her bestell- te Getreide traf - nicht zuletzt wegen den schlech- ten Verkehrswegen - viel zu spät ein.777 In den Jah- ren 1821 bis 1823 erfolgte dann der Bau von fahr- baren Strassen über den San Bernardino und den Splügenpass.778 Etwa zur selben Zeit wurde mit dem Bau der Gotthardstrasse begonnen, die allerdings erst 1835 vollendet wurde. Die Urner Bevölkerung stand die- sem Vorhaben skeptisch gegenüber, da sie (nicht zu Unrecht) darin eine Gefahr für den Fortbestand der Säumer- und Rodgenossenschaften erblickte.779 Be- sonders die den Grosshandel forcierenden Städte Luzern und Basel drängten auf den Ausbau der Gotthardroute sowie auf Einführung der freien Konkurrenz, was die endgültige Abschaffung der 
Rodgenossenschaften nach sich zog.780 Unter dem Druck der Speditoren und der mit ihnen verbünde- ten liberalen Kantone musste schliesslich auch in Graubünden die freie Konkurrenz im Transportge- werbe eingeführt werden.781 Das «veraltete» Rod- wesen konnte dabei nicht mehr bestehen. Ein Schweizer Bundesbeschluss hob dann 1861 alle Rechte der Rodgenossenschaften entschädigungs- los auf.782 Den endgültigen Zusammenbruch des Bündner Transitverkehrs bescherte schliesslich die Eröffnung der Gotthardbahn im Jahre 1882. Die von aussen erzwungene Auflösung des Rod- wesens dürfte für die anhin im Verkehrswesen tä- tigen Säumer und Fuhrleute eine drastische Ver- schlechterung ihrer Erwerbs- und Lebensbedin- gungen gebracht haben. Für diejenigen, die kein erspartes Geld und auch über keinen Rückhalt in der Landwirtschaft verfügten, blieb oft als einzige Perspektive die Auswanderung übrig.783 Im Zeit- raum 1845 bis 1850 verliessen 118 Personen die Bündner Talschaften Rheinwald und Schams. Der grösste Teil von ihnen stammte aus den Strassen- dörfern Splügen, Sufers, Nufenen und Andeer.784 In Liechtenstein blieb die Auswanderung bis ins 19. Jahrhundert grundsätzlich verboten.785 In ein- zelnen Fällen, in denen die Obrigkeit eine Emi- gration gestattete, mussten Auswanderungswillige beträchtliche Abgaben leisten.786 Das Auswande- rungspatent von 1843 sowie die Aufhebung der Gebührenpflicht beim Verlassen des Landes ebne- ten den Weg für eine erste Auswanderungswelle.787 Zwischen 1853 und 1855 verliessen 71 Personen das Fürstentum Liechtenstein.788 Anders als bei Graubünden kann hier kaum ein Zusammenhang mit dem Ende der Rodgenossenschaften und des Transitverkehrs hergestellt werden. Die liechten- steinische Auswanderung war vielmehr eine Reak- tion auf ein überdurchschnittliches Bevölkerungs- wachstum.789 Gerade die Missernte und die Rhein- überschwemmung des Jahres 1846 hatte deutlich gemacht, dass das kleine Land seine stark wach- sende Bevölkerung nicht mehr ernähren konnte. 138
        

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