SODOMIE Ähnlich wie bei der Tierverwandlung überschritten die zauberischen Menschen auch bei der Sodomie, beim Geschlechtsverkehr mit Tieren, die Grenzen der menschlichen Spezies und erwiesen sich da- durch als nicht mehr würdig, für ein Ebenbild Got- tes zu gelten. In diesem Sinn diente die Bezeich- nung einer Person als Ketzer - was soviel wie Sodomist bedeutete - im Standardrepertoire der volkstümlichen Beschimpfungen261 dem Ziel der Ausgrenzung einer unliebsamen Person. So wurde etwa Krispin Marogg aus Triesen, der einst ein Dachshündchen aus Graubünden mitgebracht hat- te, 1677 von der mit ihm verfeindeten Ehefrau Kas- par Senns 
als hündlin macher gescholten. Er habe die Jungen seines Hundes alle selbst gemacht.262 Spätestens um die Mitte des 17. Jahrhunderts verwendete man die aus der theologisch-juristi- schen Hexendoktrin stammende Vorstellung von der Teufelsbuhlschaft auch bei volkstümlichen Be- schimpfungen in derselben Absicht wie den Sodo- mievorwurf. Die Ehefrau eines Spenglers hielt da- mals Hans Ospelts Frau vor, dass ihr voriger Mann, der Schmied 
Jörgle, mit dem bösen gaist zu schaf- fen gehabt und den selben gebrautet habe; umge- kehrt sei auch 
er vom teüffel gebrautet worden.263 Ulrich Schlegl glaubte, dass er Elsa Schedlerin tatsächlich bei einer sodomitischen Handlung überrascht hatte, als er sie auf dem Flur völlig nackt neben ihrer Geiss antraf. Sie erklärte jedoch, sie habe sich gerade «flöhen», also von den Flöhen befreien wollen. MAGISCHE GEGENSTÄNDE UND ALLTAGS- GEBRÄUCHE Der Schmied Michael Schechle zog einem Pferd einen Nagel aus dem Huf und weigerte sich, diesen dem Eigentümer des Tieres herauszugeben. Da- durch entstand der Verdacht, dass es sich dabei um einen besonderen Nagel gehandelt hatte, der magi- schen Zwecken diente.264 
Eine Verwandte Michael Schechles, Katharina Bregenzerin, machte sich durch ihre Gewohnheit, kein ganzes Brot auf den Tisch zu legen, selbst bei ihrem Mann verdächtig. Er erklärte, während ihrer gesamten Ehezeit sei kein einziges unangeschnitte- nes Brot auf den Tisch gekommen. Dem voran- gehenden Anschneiden mit dem Messer - meist verbunden mit dem Kreuzzeichen - kam apotropäi- sche (das Unheil abwendende) Bedeutung zu. Wei- ters hütete sich die Bregenzerin davor, das Brot auf dem Rücken liegen zu lassen; dem wurde nämlich eine üble Vorbedeutung beigemessen. Auch stellte sie den Besen stets umgekehrt hinter die Türe. Das sollte allgemein Schutz bewirken, im speziellen aber vor Hexen.265 Bemerkenswert erscheint, dass der Ehemann der Bregenzerin diese Sitten - wenn auch möglicherweise nicht ganz ernsthaft - als Hexerei bezeichnete. Selbst bei gewöhnlichen Leu- ten war das volksmagische Denken unterschiedlich stark ausgeprägt. DIE VOLKSMAGISCHEN SPEZIALISTEN UND IHRE MITTEL Waren die Probleme des Alltags mit den weit ver- breiteten traditionellen Mitteln nicht mehr zu lö- sen, konsultierte man volksmagische Spezialisten. Dazu zählten zunächst Dorfgenossen, denen be- sondere magische Fähigkeiten zugeschrieben wur- den. Man nannte sie deshalb auch «Künstler». Einer von ihnen war Christian Thöni, der sich als Wahrsager betätigte. Wollte man erfahren, wer einem «das Schmalzen genommen» habe, wandte man sich an Hans Marogg, der laut Gutachter Dr. Moser mit underschidlichen teufelsbossen umb- gangen war. Bei grossen Schmerzen suchten Be- wohner von Triesen Rat beim Metzger Fridli Nigg, der im Haus Hans Kindles wohnte und mit «Arzneien» umgehen konnte, ohne dass man wuss- te, woher er die wissenschafft habe. In Mauren dürfte Adam Schipfer auf ähnliche Weise gewirkt haben. Wie weit die Künste Simon Rigs aus Triesen allgemein geschätzt wurden, ist nicht klar. Er be- hauptete jedenfalls von sich, wenn er durch einen 56
        

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