spruch. Die Identität scheint nicht etwas Gleich- bleibendes, Individuelles zu sein, sie ist, wie der Autor anhand einiger amüsanter Beispiele zeigt, ein «soziales Phänomen bzw. » (S. 41). Ausgehend von der Familie, deren Identität ebenso keine automatisch vorgegebene ist - wie ein Blick in die verschiedensten Gesellschaften und deren Verwandtschaftsstrukturen lehrt -, erhalten Men- schen mit jeder sozialen Gruppe, in die sie mit zunehmendem Alter hineinwachsen oder der sie sich anschliessen, neue Identitäten - ein «Wir-Be- wusstsein» entsteht, das sich in Zugehörigkeits- merkmalen wie Sprache, Kleidung und Grundsät- zen jeglicher Art ausdrückt. Die Schlussfolgerung, die daraus gezogen werden muss, ist, dass Not- wendigkeit und Nutzen der Identität also in der Zu- gehörigkeit zu einer Gruppe und gleichzeitig im Erwerb eines «als Einzelindividuum sonst nicht erreichbaren Maßes an Rückhalt», Akzeptanz und Sicherheit liegen (S. 46). Diese Vorteile werden markiert, etwa durch Aufnahmekriterien oder Ein- trittsrituale (Initiationen). Die neue Identität unter- liegt somit einer Kennzeichnung, sie konstituiert sich durch die Abgrenzung zu anderen, fremden und oft beängstigenden Identitäten, die miteinan- der häufig konkurrieren. Gefahren bedingen eine höhere Bereitschaft, sich umfassenden Identitäten anzuschliessen, die Geborgenheit und Schutz bie- ten. Demgegenüber steigt jedoch auch der Auf- wand überproportional an, fehlende soziale Nähe mit Identitäten zu füllen, wie Ulf anhand des aus- führlich diskutierten Beispiels Hawaii zeigt. Für eine Neuorientierung innerhalb der eigenen Gesell- schaft kann auch eine Identität zugunsten einer an- deren aufgegeben werden, Beispiele dafür finden sich etwa in «politischen Kreisen», am Beispiel des Klansystems auf Papua-Neuguinea gut nachzuvoll- ziehen. Das Verhältnis der Identität von Individuen zu den jeweils umfassenderen Identitäten ist ein ungleiches - sich einer grösseren Identität anzu- schliessen, «bedeutet die Reduktion der Eigeniden- tität» (S. 51). Diese Spannung wird virulent, wenn Vorteile der grösseren Identität nicht mehr als sol- che empfunden werden und die Eigenidentität als eine Art Gegenidentität auftreten muss - eine Reak-tion, 
der durch identitätsstiftende Rituale und zu- sammenhaltende Verhaltensmuster von Seiten grösserer Einheiten entgegengesteuert wird. Ulf führt eine bewusst gesteuerte, identifikationsstif- tende Mythenbildung am Beispiel des Adoptivsoh- nes Julius Casars, Gaius Octavius - Augustus vor. Um «das kollektive Gedächtnis als ein österrei- chisches Rituell zu stabilisieren bzw. zu erneuern» (S. 57), bedient sich das demokratische Österreich mit einer erst in der zweiten Republik neudefi- nierten Identität einer 1000-jährigen staatlichen Existenz nicht einer Rückbesinnung auf eventuell als verfänglich empfundene Identiäten - auf die Babenberger-, Habsburger-Ära oder gar zeitge- schichtlich noch näher liegenden Ereignisse (Aus- trofaschismus), sondern stellt die eher unverfäng- liche Ostarrichi-Urkunde in den Mittelpunkt. Josef Riedmann verweist in diesem Zusammenhang in seinem Beitrag «Der  Österreichs. Die Ostarrichi-Urkunde vom 1. November 996» (S. 19-38) mittels kritischer Quellenanalyse an- hand der originalen Urkunde (Diplomatik) und ihrer Einordnung in den historischen Kontext, dar- auf, dass eine übersteigerte Rückprojektion von Eigenständigkeit und Unabhängigkeit Österreichs in ferne Perioden des Mittelalters den historischen Sachverhalt verfälscht, da «derartige Verhältnisse als anachronistisch zu bezeichnen sind» (S. 36). Auch Brigitte Mazohl-Wallnig kommt zu einem ähnlichen Schluss, wie bereits für Ulf in bezug auf eine österreichische Identität und für Josef Riedmann bezüglich des historischen Kontextes zur Ostarrichi-Urkunde zitiert wurde. «<Österrei- chische Geschichte> ist als Begriff ein Anachronis- mus, auch wenn 1996 landesweit seine tausend- jährige Existenz zelebriert wurde, österreichische Geschichte) hat als wissenschaftliche Disziplin die gezielte  Staatsbildung und deren histo- rische Legitimierung durch entsprechende wissen- schaftliche Einrichtungen zur Voraussetzung ge- habt. Erst durch sie wurde der Begriff <Österreich> und <österreichisch> bedenkenlos auf frühere Jahr- hunderte übertragen - und gleichzeitig das Fach geschaffen, das heute gezwungen ist, über seinen Gegenstand nachzudenken» (S. 17 f.). 292
        

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