REZENSIONEN «ABER DER ARCHITEKT WILL BAUEN» ausländische Freizeit- und Stadtmenschen, ein Schauspiel und eine verbotene Lockung für die katholische Dorfbevölkerung. 1940 steigerte sich der Gewerbekampf gegen den Architekten zum An- suchen an die Regierung, Sommerlad «im Landes- interesse» auszuweisen. Brisant war die Forderung insofern, als sie sich mit einem von der deutschen NSDAP-Ortsgruppe betriebenen Ausbürgerungs- verfahren gegen Sommerlad traf. Ein Vorgang, von dem laut Bellasi/Riederer sowohl die Gewerbe- genossenschaft wie Regierungschef Hoop Kenntnis hatten. So aufschlussreich die Konfliktfelder im liech- tensteinischen Filz geschildert werden, so vor- schnell vereinfacht ist oft die politische Zuordnung, die Bellasi/Riederer jenen «Grabenkämpfen» um lokale Macht und Einfluss aufprägen wollen: Im Ansuchen des Gewerbes schlage hemmungslos «Nazi-Vokabular» durch, zwischen der lokalen NSDAP und den Liechtensteinern wird eine «kon- spirative Verstrickung» vermutet. Die Autoren ver- einfachen unnötigerweise. Gewerbeleuten und NSDAP mag eine Sanktion Sommerlads gelegen ge- kommen sein. Allerdings aus unterschiedüchen Motiven; das Gewerbe wollte den missliebigen Deutschen «draussen» haben, die NSDAP suchte, einen nicht beitrittswilligen Volksgenossen zu be- strafen. Was im Buch nicht erwähnt wird, hier aber von Belang wäre, ist das vorherrschende Interesse von Gewerbeverband und dem NSDAP-Leiter und Fabrikanten Friedrich Bock an einer guten Verbin- dung zum schweizerischen, nicht zum deutschen Wirtschaftsraum. Die Autoren gestehen ihrer Hauptperson eine komplexere, widersprüchlichere Interessenlage zu als den meisten seiner Gegner und Förderer. Immerhin baute Sommerlad noch 1938 eine Villa für Bock und stand auf gutem Fuss mit dem Vorarlberger Kreisleiter Hammerbacher. Aus geschäftlichen Gründen. Renitent und un- versöhnlich wurde Sommerlad, als die politische Lautstärke und der Disziplinierungsanspruch der NSDAP in sein unmittelbareres Umfeld dringt. Er hält zu deren Ortsgruppe Distanz, beschwert sich über öffentliche Nazi-Symbole. Dies blieb anschei- nend nicht folgenlos: 1939 erhält der Architekt kei-nen 
Heimatschein zur Passerneuerung mehr, 1943 wird ihm das Ausbürgerungsverfahren mitgeteilt, das im Mai 1944 zum Abschluss kommt. Ab Januar 1944 habe sich Sommerlad dann geschämt, Bürger eines solchen deutschen Staates zu sein, und habe dies - so meinen die Autoren - wohl auch dem deutschen Konsul in Zürich im August 1944 ins Ge- sicht gesagt. WENIG HELDENTUM Sommerlads Rede und Empörung wider die orga- nisierte nationalsozialistische Macht bleibt ein Akt der Courage und des zivilen Aufbegehrens. Ob sie als Gegenbild zum angeblich weitgehenden Mitläu- fer- und Anpassertum der liechtensteinischen Re- gierung und Bevölkerung taugen, ist fraglich. Nicht nur weil Sommerlad seinen Widerstand weder po- litisch austrug noch intellektuell ausführte. Auch weil Bellasi und Riederers salopp formulierte Re- cherche bei historischen Vorgängen und Akteuren öfters ins Schleudern gerät. Falschangaben zu Per- sonen und Ereignissen wie die Umbenennung des deutschen Generalkonsuls Voigt in «Vogt» oder die Rückdatierung von Stalingrad in den März 1942 sind hierbei noch das Geringste. Ärgerlich, weil Proportionen verzerrend, sind vage und pauschale Urteile zur damaligen Landespolitik. Den rechten Parolen der Liechtensteiner Heimatdienst-Führung etwa sei das halbe Land gefolgt. Tatsächlich er- reichte eine von LHD und Volkspartei gemeinsam getragene Volksinitiative 1935 keine 50 Prozent der männlichen Wähler-Stimmen. Ähnliche Über- treibungen finden sich in Bezug auf die örtlichen Nationalsozialisten und ihre angeblich 500-köpfige Gefolgschaft. Sommerlad war kein «Held», erinnert sein Sohn Martin. Dieselbe Qualifikation gilt erst recht für die damalige Landesregierung. Bellasi und Riederer verweisen selbst auf die prekäre Lage des «wehrlosen» Kleinstaates nach 1938 - von schweizerischer wie deutscher Seite unter Druck gesetzt. Mehr noch als für den undiplomatischen Architekten galt für die Regierung, sich gegenüber jenen Mächten, von denen die Existenz des Landes 289
        

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