EINE EIGENTÜMLICHE EMANZIPATION VOM NUTZEN UND NACHTEIL DER PROVINZ Der Lebensweg des jungen Ernst Sommerlad bis hin zu seiner Emigration ins unbekannte Liechten- stein erweist sich im Buch als Bewegung weg von den Epizentren des politischen Wahns und der europäischen Unruhe. Geboren 1895, grossgewor- den im wilhelminischen Reich, geht der Förster- sohn Sommerlad durch Erfahrungen, die viele sei- ner Generation, darunter auch seinen Bruder, zu Anhängern eines starken «Hitlerdeutschland» wer- den Hessen, Sommerlad zieht mit der neoroman- tischen Jugendbewegung «Wandervogel», meldet sich 1914 begeistert für den Dienst in einer Elite- einheit, kämpft an allen Fronten, flieht aus franzö- sischer Gefangenschaft und kehrt auf abenteuerli- chen Wegen nach Deutschland zurück, wo er - an- scheinend ohne grössere Blessuren - sein Hoch- baustudium wieder aufnimmt. Das Buch beschreibt einen wissbegierigen und unternehmenslustigen Deutschen, der sich nicht damit aufhielt, den Zusammenbruch des Kaiser- reiches zu seiner persönlichen Ehrensache zu machen. Nach dem nationalistischen Rausch des Ersten Weltkrieges tritt Sommerlads politische Bin- dung in den Hintergrund, andererseits ist sein Ver- hältnis zu Obrigkeiten und Behörden von Wider- setzlichkeit und Opportunismus bestimmt: Ein falscher Pass auf den Namen «Alsleben», behörd- lich abgesegnet, ermöglicht ihm 1921 bis 1924 die Arbeitsaufnahme im französisch besetzten Mainz. Viele Jahre später, während des Krieges, gefähr- det eine amtliche Strafmassnahme, die Aberken- nung seiner Staatsangehörigkeit durch die Natio- nalsozialisten, seine berufliche und persönliche Existenz. An empfindlicher Stelle bürokratisch schikaniert, empört sich Sommerlad schliesslich deutlich gegenüber jenem Regime, dessen Machen- schaften ihm die längste Zeit über wenig durch- sichtig und mithin auch weniger wichtig waren. 
Sommerlads politisches Credo scheint in seiner architektonischen Mission, dem Bekenntnis zum praktisch-funktionalen Bauen fürs «niedere Volk», aufgehoben. Beflügelt von der rationellen Bauauf- fassung der deutschen Bauhaus-Schule, den neuen Kunstformen gegenüber aufgeschlossen, drängt es Sommerlad zur Umsetzung seiner Architektur. Warum und wie ihm dies ausgerechnet im Liech- tenstein der Vorkriegszeit, einem katholisch-bäuer- lichen Entwicklungsland, gelingt, macht das Buch von Bellasi/Riederer über zahlreiche Passagen le- senswert. Sommerlad trifft 1924 in Liechtenstein ein und erhält im selben Jahr eine beschränkte Gewerbekonzession - vor der Wirtschaftskrise und den schweren politischen Spannungen der Dreissi- gerjahre. Der energiegeladene Jungarchitekt profitiert von unerschlossenen und neu zu erschliessenden Bo- den- und Geldquellen. Die Vorzeichen sind günstig, denn das Land hat Kapitalbedarf und viel Brach- land. Wohlhabende Neubürger kaufen sich ein, suchen Steuervorteile und ein Gehäuse für ihren gewohnten Lebensstil. Sommerlad baut modern und elegant - vorerst nicht fürs einfache Volk. Der Architekt schliesst mit Pionieren des Treuhandwe- sens Allianzen, bietet Geldanlagen wie Häuser an. Die Regierungschefs, Gustav Schädler wie Josef Hoop, sind ihm gewogen. Allerdings lagen Gunst und Missgunst nahe beieinander, und Sommerlad scheint nicht ein Mann der versöhnlichen Worte gewesen zu sein (dafür sei seine Frau Gertrud zu- ständig gewesen. Auch ein biographisches Detail, in dem viel Kultur-Geschichte steckt). Seit seinem Auftreten in Liechtenstein wird der einzige Archi- tekt im Land insbesondere von Gewerbetreibenden beargwöhnt und angefeindet. In ihrer Sicht wird Sommerlad zum Konkurrenten, Preisdrücker und Ausländer, fremd in Bau- wie Lebensauffassung. Bellasi/Riederer zeichnen Konfliktausdruck und -mentalitäten im engen Liechtenstein nach, die korrespondierenden Vorbehalte und Unkenntnisse: «man kam sich gegenseitig exotisch vor.» Sommer- lad entwarf seine Häuser für den Gebrauch durch 288
        

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