LIECHTENSTEINISCHE QUELLEN ZUM ZIGEUNERRECHT PETER PUTZER «Wer die Zigeuner schädigt frevelt nicht» REICHSTAGSABSCHIED 1500 Am Anfang dieser kleinen Studie müssen zwei terminologische Klarstellungen erfolgen: Unter «Zi- geunerrecht» wird hier des weiteren nicht das eigene Recht der Zigeuner verstanden; sondern die repressiven und diskriminierenden rechtlichen Reaktionen, mit denen in Europa auf das Auftau- chen dieser fremden Ethnie reagiert wurde.1 Und wenn hier des weiteren bewusst der Terminus «Zi- geuner» verwendet und nicht durch die von den Betroffenen zwischenzeitlich vorgezogenen Begriffe Sinti und Roma ersetzt wird ist das dadurch be- gründet, dass mit «Zigeuner» ein Wort der Quellen- sprache übernommen wurde.2 Den Spuren von derartigem Zigeunerrecht wur- de vom Verfasser auch in Liechtenstein nachgegan- gen; in bescheidenem Ausmass konnten sie auch angetroffen werden. Dabei wurde deutlich, dass hierlands die bereits aus der gesamteuropäischen, insbesondere der deutschen Entwicklung bekann- ten Strukturen und Normen zutage traten. Sie sol- len daher in ihren wesentlichen Zügen vorgestellt und ihnen die in Liechtenstein vorfindlichen zigeu- nerrechtlichen Quellen zugeordnet werden. Vorweg ist dazu festzuhalten, dass trotz des generell fest- stellbaren rechtlichen Druckes auf die Zigeuner das jeweilige örtliche und regionale Zigeunerrecht stark von den historischen Bedingungen seiner Erzeugung geformt wurde. Liechtenstein als ein von der deutschen Verfassungsentwicklung ura- fasstes Gebiet macht demnach deutlich den Ein- fluss der Reichsgesetzgebung sichtbar. Das räum- lich unmittelbar angrenzende Graubünden steht für eine andere Konzeption: Wenn auch im Ziel identisch - starke Repression gegenüber den Zi- geunern - lassen die Bündner zigeunerrechtlichen Quellen keinen unmittelbaren Einfluss des Reichs- rechtes und der deutschen Zigeunerpolizei ab dem 16. Jahrhundert erkennen.3 Ganz allgemein gilt es festzuhalten, dass die zigeunerrechtlichen Normen insofern ein gesamt- europäisches Phänomen sind, als sie durchwegs von der zunehmenden rechtlichen Ausgrenzung und Verfolgung berichten, mit denen die Obrigkei- ten auf das Auftauchen und die Anwesenheit der Zigeuner reagierten.4 Diese in Stämmen, Sippen 
und Familien organisierte wandernde ethnische Minderheit konnte sich bis ins 20. Jahrhundert eine eigenständige Lebensweise und Kultur bewah- ren. Ihre besondere soziale Organisation und ein tradiertes System von Wertvorstellungen und Nor- men erhielten die ursprünglich aus dem indischen Raum stammenden Zigeuner5 als eine distinkte 1) Vgl. dazu P. Putzer: Grundzüge des Erzstift-Salzburgischen Zigeu- nerrechts. In: Gedächtnisschrif't Herbert Hofmeister, Hrsg. Ogris u. Rechberger. Wien, 1996, S. 591 ff.; ders., Wie lustig war das Zigeunerleben im Erzstift Salzburg? Ein Beitrag zur Geschichte des Erzstift-Salzburgischen Zigeunerrechts. In: Salzburg Archiv 20, Salzburg, 1995, S. 63 ff. Darauf, dass zum «Recht der Zigeuner», zum Rechtsleben und zu den Normen der Zigeuner kaum rechts- historische Untersuchungen vorliegen, verweist K. Härter in: Zigeuner, Handwörterbuch zur Deutschen Rechtsgeschichte (HRG), Bd. V, Berlin, 1993 ff, Sp. 1699 ff. 2) Mangels einer Selbstbezeichnung, vor allem eines alle Stämme umfassenden historischen Begriffs ist die Verwendung des den Quellen entnommenen Terminus durchaus sachgerecht. Zudem soll hier kein Betrag zur aktuellen Begriffsdebatte erfolgen. Dazu auch Härter, ebenda. 3) Zu den Reichskreisen, insbesondere dem Schwäbischen, vgl. hier Anmerkung 27. Über die Ergebnisse seiner ersten Recherchen nach zigeunerrechtlichen Quellen in Graubünden bereitet der Verfasser einen kleinen Bericht vor. 4) Vielfach bilden derartige Normen die einzigen Belege für das Auftauchen von Zigeunern; darüberhinaus werden sie in histori- schen Quellen kaum erwähnt. Zur Geschichte der Zigeuner im mitteleuropäischen, vor allem deutschen Raum vgl. H. Arnold: Die Zigeuner. Herkunft und Leben der Stämme im deutschen Sprach- gebiet, Freiburg, 1965; S. J. Holtmann: Geschichte der Zigeunerver- folgung in Deutschland, Frankfurt - New York, 1981. R. Gilsenbach: Weltchronik der Zigeuner. 2000 Ereignisse aus der Geschichte der Roma und Sinti, der Gypsies und Gitanos und aller anderen Minder- heiten, die «Zigeuner» genannt werden.Teil 1: Von den Anfängen bis 1599, Frankfurt, 19972 (= Studien zur Tsinganologie und Folkloristik, Hrsg. J. S. Hohmann, Bd. 10). Vgl. dazu auch Härter. 5) Die Herkunft der Zigeuner aus dem indischen Subkontinent ist durch linguistische Untersuchungen belegt. 201
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.