An die Unternehmungen des Pfarrers Valentin von Kriss knüpft vielleicht auch die bekannte Sage von der «Hexe von Triesnerberg» an, die heute wohl - nicht zuletzt aufgrund des gleichnamigen Romans von Marianne Maidorf - zu den bekann- testen Erinnerungen an die liechtensteinischen Hexenverfolgungen zählt.557 Während in der Sage die Rettung für eine Unschuldige zu spät von Feld- kirch nach Vaduz gelangt, wurde in Wirklichkeit die vom Triesenberg gebürtige Katharina Gassne- rin durch den Einspruch eines Feldkircher Notars knapp vor der Verbrennung bewahrt. Darüber hinaus erinnern in Otto Segers Sagen- sammlung keine konkreten Angaben mehr an be- stimmte Hexenprozesse in Liechtenstein. Ihr volks- magischer Hintergrund ist jedoch noch stark prä- sent. Die im Volk überlieferten Geschichten waren Seger anscheinend zu wenig aussagekräftig, so dass er ihnen einfach einige Passagen aus den er- haltenen Inquisitionsprotokollen und dem Salzbur- ger Rechtsgutachten hinzufügte.558 Seger machte also bei der von ihm dokumentierten «Erinnerung des Volkes»559 keinen Unterschied zwischen münd- lichen Traditionen und Auszügen aus zeitgenössi- schen Quellen, obwohl er in der Einleitung schrieb: «Ich habe mich bemüht, das mündlich Überlieferte möglichst sorgsam wiederzugeben. Nichts ist ein- geflochten, ausgeschmückt oder im Texte erklärt. So einfach, wie sie erzählt wurden, sollen sie auf den Leser wirken und ihn auch zur Besinnung an- regen.»560 Folgende «Sagen» übernahm Otto Seger aus den Inquisitionsakten:561 Nr. 65 «Ein Roß wird verritten» (Beschuldigung Jakob Marxers gegenüber Andreas Egle, beide aus Mauren), Nr. 66 «Die Hexe als Hund» (Beschuldigung Hans Büchels gegenüber Katharina Wangnerin, beide aus Ruggell), Nr. 67 «Eine Hexe verrät sich» (Beschuldigung Andreas Büchels gegenüber Katharina Wangnerin, beide aus Ruggell), Nr. 68 «Der unheimliche Spielmann» (bezog sich auf Valentin Blaicher aus Eschen), 
Nr. 69 «Zigeunerkünste» (Beschuldigung Hans Marxers gegenüber Katharina Wangnerin, beide aus Ruggell), Nr. 70 «Mäuse machen» (Beschuldigung Adam Marxers gegenüber Magdalena Spaltin, beide aus Ruggell), Nr. 71 «Der geheimnisvolle Wolf» (Vorwurf gege- nüber der Spiesin, Ehefrau Jakob Schurtis, wohl aus Triesen) und Nr. 78 «Das schwarze Männle» (Vorwurf der Lena Ospeltin gegenüber Maria Beckin, beide vom Triesenberg). Die Tatsache, dass etliche der von Seger publi- zierten Sagen Abschriften aus Gerichtsunterlagen bildeten, entspricht der Erkenntnis, dass der weit- aus überwiegende Teil der geschichtlichen Volks- sagen allgemein gar nicht im Volk selbst tradiert, sondern von Chronisten erfunden oder auf andere Art aus zweiter Hand übernommen wurde.562 Es bleibt darüber hinaus zu hoffen, dass es Seger mit den Beiträgen seiner Schüler zur Sagensamm- lung563 nicht ähnlich wie dem Tiroler Lehrer Jo- hann Adolf Heyl ergangen ist: Um ihn geneigt zu machen, hatten ihm die Schüler «Sagen» abgelie- fert, die «derstunken und derlogen» waren.564 122
        

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