«DER TEUFEL UND DIE HEXEN MÜSSEN AUS DEM LAND ...» / MANFRED TSCHAIKNER sen der Anna Reinbergerin und ihrer Töchter ein gültiges Indiz: Als zwei Gerichtsleute mit der ge- fangenen Maria Tannerin zu ihrem Haus kamen, seien die Reinbergerin und ihre Töchter 
so sehr er- schrocken und ertattert, daß auff gethane begrüs- sung sie nicht einmahl geantwortet, sondern ange- fangen in den haaren zu zupfen, die töchtern aber gar hinweg gelauffen. Nur wenige Hinweise dokumentieren die ver- zweifelte Grundstimmung vieler Menschen wäh- rend der Hexenverfolgungen unmittelbar. Michael Hilbi, der 1678 verbrannt wurde, äusserte sie ein- mal in eindringlicher Weise gegenüber seiner Nachbarin: Wie ist daß ein armes ding, wie miesen wür unser leben anfangen, ich wais nit, wo aus noch ahn. Manche Leute verfielen auf Grund der Hexenangst in lang andauernde Depressionen. Hans Schedlers Ehefrau Barbara Tannerin behaup- tete 1676, die Götschin habe 
ihr im schlaff eine hexerey vor daß gesicht gemacht und sie in noch wehrende traurigkeit gestürzet. Der im Jahre 1679 hingerichtete Hans Grüschle aus Vaduz wird nicht erst im Gefängnis zur Auffassung gelangt sein, er sei auf dieser Welt allzeit zum Narren gehalten worden. Einen volkskundlich interessanten Einzelfall bil- det bislang die Wallfahrt der Barbara Moratin aus Mauren. Nach der Verbrennung einer nahen Ver- wandten 1678 zog sie zusammen mit ihrem Sohn Jakob zum Kloster Ettal in Oberbayern und liess sich mit Brief und Siegel bestätigen, dass sie im- stande gewesen war, das dortige Marienbild - die etwa 35 Zentimeter grosse Marmorfigur der «Fun- datrix Ettalensis», die Ettaler Madonna aus dem 14. Jahrhundert468 - aufzuheben. Das sollte als Beleg dafür gelten, dass sie fromm und keine Hexe war, denn das Heben von grossen Gewichten oder von Heiligenfiguren galt im volksmagischen Den- ken als «Gewissensprobe».469 Im Kloster Ettal stand das Heben des Gnadenbildes allgemein in Ge- brauch, eine besondere Beziehung zum Hexen- wesen ist nicht feststellbar.470 Die Moratin und ihr Sohn vertrauten wohl auf die in einem Gedicht an- gepriesenen Fähigkeiten der wundertätigen Ma- rienstatue: «Bist du beladn mit Angst und Pein / 
Mit Kummer und mit Schmertzen? / Dein Angst wird stracks außgloschen seyn / Wie von dem Wind die Kertzen.»471 Da das obere Rheintal nicht zum Einzugsgebiet der Ettaler Wallfahrt zählte, sehr wohl aber weite Teile des Allgäus und der schwäbi- sche Raum östlich der Iiier,472 lässt sich vermuten, dass die Moratin im Zuge einer saisonalen Arbeits- migration in Verbindung zum Kloster Ettal kam. Für den protestantischen Rechtsgutachter Dr. Welz aus Lindau galt übrigens die Bestätigung aus Ettal nicht als Entlastung vom Verdacht der Hexe- rei; er wollte sich jedoch nach dem Urteil der Theo- logen richten.473 DIE ZAHL DER TODESOPFER IN DER LITERATUR Die erste Angabe zur Zahl der Todesopfer bei den Vaduzer Hexenprozessen, die mir vorliegt, stammt von Alexander Frick. Er vermutete 1949, dass den Verfahren «etwa 150 Personen zum Opfer fie- len».474 In seinen Untersuchungen aus den Jahren 1958 und 1960 verdoppelte Otto Seger diese Zahl. Seine Angaben wurden in der Folge sowohl von der Landeskunde475 als auch von der Hexenforschung476 allgemein übernommen. So entstand die Auffas- sung, dass bei den Hexenprozessen in der Graf- 467) Herkunftswörterbuch. S. 134. 468) Vgl. dazu Kreytenberg, Marmorbildwerk, passim; vier Abbil- dungen des Gnadenbildes nach S. 48. 469) HDA Bd. 3, Sp. 1605 f. 470) Koch, Wallfahrt, S. 67. 471) Zit. n. Koch, Wallfahrt, S. 59. 472) Koch, Wallfahrt, S. 72. 473) Welz 2, S. 25 f. 474) Frick, Erinnerung. S. 14. 475) Press, Entstehung, S. 67: Schlapp. Liechtenstein, S. 42; Wanger. Bilder, S. 141. 476) Merzbacher. Hexenprozeß, S. 318; Behringer, «Erhob sich das ganze Land», S. 168; ders., Behringer, Bayern, S. 346; Vogt, Hexen- prozesse, S. 2; Tschaikner: «Damit das Böse ausgerottet werde». S. 229; ders., Vorarlberg, S. 287 u. 294. 99
        

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