Zeit der Prozesse aus Furcht, er könnte gefangen werden und müsste für seinen Vater «entgelten», aus einem Fenster geflohen. Ähnlich erging es Eva Götschin. Als sie einen bestimmten Nachbarn sah, ergriff sie voller 
Angst aufs geschwindeste die flucht in die alp auffs berglin, und 
zwar durch einen ohngewohnten weg, in 2V2 stund weit. Andere wiederum, wie etwa Simon Nigg aus Triesen, reagierten erst 
nach vilfältig öffentliches antrohn der gefankhnus und ufmahnung des weibs und gueter fründen. Obwohl er schon massiv von inhaftierten Delinquenten denunziert worden war, flüchtete auch Christian Negele aus Vaduz erst, als ihn Landvogt Dr. Brügler abholen wollte und schon vor dem Haus als Hexenmeister herausrief. Beim Versuch, wieder nach Hause zu gelangen, wurde er später in Feldkirch verhaftet. Bald wäre Negele dann noch die Flucht aus dem Schloss Vaduz ge- lungen. Er wurde jedoch 1680 hingerichtet. Das zögernde Verhalten Florian Gassners vom Triesenberg hatte andere Folgen. Seine Mutter hat- te sich beim Ammann Wolf über eventuelle Denun- ziationen durch bereits verhörte Delinquenten er- kundigt und bei der zweiten Vorsprache erfahren, dass beide Söhne belastet seien. Statt zu fliehen, suchte Florian zunächst Rat bei den Kapuzinern in Mels, die ihm jedoch nicht zu helfen wussten. Bald darauf war es zu spät. Florian wurde gefangenge- nommen. Ihm gelang jedoch als einem der wenigen die Flucht auf dem Weg nach Schloss Vaduz. So wie er verliessen zur Zeit der Hexenprozesse zahlreiche weitere Personen die Grafschaft Vaduz und die Herrschaft Schellenberg. Was diesen Leu- ten dann bevorstand, nannte man «im Elend her- umgehen». Bekanntlich gehen die Wörter «Elend» und «Ausland» auf dieselbe Wortwurzel zurück.467 Für manche Verdächtigte, insbesondere für ärme- re, ältere und gebrechliche Personen, bildete des- halb die Flucht keine Lösung für die Schwierigkei- ten, in denen sie sich befanden. Christian Hilti erklärte gegenüber seinem Sohn, wenn er jung wäre, würde er nicht im Land blei- ben. Ja, er schalt sogar seinen Sohn, dass er noch hier herumwerke und sich nicht ins Ausland be- gebe. Aus Angst vor der Verhaftung hatte er stets 
seine büchse zum bett gestellt, um sich gegen die Schergen des Gerichts zu wehren. In seiner Entrü- stung über die Verbrennung der Mutter, deren lieb- stes Kind er immer gewesen sein soll, scheute er es nicht, sich über die näheren Umstände ihres Schicksals beim Ammann Bürkle persönlich zu erkundigen. 1679 wurde er selbst verbrannt. Die meisten Flüchtlinge aus der Grafschaft Va- duz und aus der Herrschaft Schellenberg dürften sich in den Nachbarterritorien aufgehalten haben. Simon Vonvill aus Balzers jedoch begab sich für ein ganzes Jahr nach Rom und kehrte erst nach Ende der Hexenprozesse wieder zurück. Manche Leute, die im Land geblieben waren, verloren aus Angst vor den Hexenprozessen in der Öffentlichkeit die Nerven. So erklärte Christian Eberle aus Schaan im Wirtshaus beim Trinken gegenüber einem Geschworenen unter bitterem Weinen, er müsse ihn gefangennehmen und ihm sein Recht antun. Man solle ihn lieber heute als morgen verbrennen. Auch Andreas Conrad aus Schaan, selbst ein reicher Gerichtsmann, deutete 1679 im Rausch an, wie es ihm und seinen Kindern ergehen werde. Nach einem Trunk mit dem Am- mann Georg Bürkle wollte er auf dem Heimweg nicht am Galgen vorbeigehen und nahm deshalb einen anderen Weg. Dabei verhielt er sich aber trotzdem stets so, als ob der Teufel gegenwärtig wäre, und redete von Hexentänzen. Conrad erklär- te, dass ihn der Teufel umbringen werde, weil er diesesmal nicht dabeigewesen sei. Dann wollte er ins Wasser springen. Er bezeichnete sich als He- xenmeister und verlor völlig die Kontrolle über sich. Daraufhin wurde er von Bürkle in ein Wirts- haus gebracht und zu Bett gelegt, wo er unter Schweissausbrüchen weitertobte. Später zeigte er im Wirtshaus ein zweites Mal ähnliche Erscheinun- gen. Ihm kam der Schweiss, dabei redete und ver- hielt er sich so, wie wenn der Teufel gegenwärtig wäre. Thomas Walser erlebte ebenfalls einmal einen solchen Anfall mit. Sehr verdächtig wirkte es, wenn jemand einem Gerichtsmann, der als Beisitzer bei einem Hexen- prozess fungierte, aus dem Weg ging. Selbst für den Rechtsgutachter Dr. Welz war das schlechte Gewis- 98
        

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