KOCH UND FUHRMANN Anfangs Januar 1879 verliess Bruder Theodor Nigg mit neun weiteren Jesuiten Europa. In der engli­ schen Hafenstadt Southampton bestiegen die Mis­ sionare das Schiff. Nach vier Wochen Fahrt auf dem stürmischen Atlantik erreichten sie Südafrika. In Grahamstown, dem Ausgangspunkt der Mis­ sionsexpedition, betrieben die Missionare mit al­ lem Eifer ihre Ausrüstung für die lange Reise an den oberen Sambesi. Drei grosse Zeltwagen und ein Gepäckwagen standen bald fix und fertig für die Abreise bereit. Am Osterdienstag feierten die schei­ denden Missionare in der sehr bescheidenen Ka­ thedrale des Bischofs Ricards den Abschiedsgottes­ dienst. Die Reise auf dem Ochsenwagen war äusserst anstrengend. Einige der angeheuerten Afrikaner hatten sehr bald genug von den Strapazen und machten sich aus dem Staub. Nun wurde der als Koch amtende kleine Bruder Theodor zusätzlich noch Wagenführer. Bei Tag und Nacht ging es über Stock und Stein. Ans Schlafen war kaum zu den­ ken. Die vielen Mühen der beschwerlichen Reise durch völlig unbekanntes und unerschlossenes Land liess die Stimmung der Mannschaft manch­ mal fast auf den Nullpunkt sinken.67 Da war es der nur ein Meter fünfzig grosse Theodor, der seine Mitbrüder immer wieder aufzumuntern verstand. In den Wagen war es eng und daher sehr unbe­ quem. Darauf machte der Triesner ein Gedicht: «Hier in diesem Loch liegt der Bruder Koch; war er nicht so klein, käm er nicht hinein.»68 Alle erfreuten sich an der fröhlichen Art des Liech­ tensteiners. Als der Wagen wieder einmal kräftig durchgeschüttelt wurde, meinte Theodor zu sei­ nem Vorgesetzten: «Pater, wenn wir Milch wären, wir würden bald Butter.»69 Bruder Theodor hatte wirklich einen unverwüst­ lichen Humor. Als ein Ochse beim Anschirren den Kopf nicht unters Joch schob, wurde Theodor nicht 
etwa ungeduldig. Vielmehr tröstete er den Ochsen mit folgenden Worten: «Nur Geduld Junge, das kommt alles mit der Zeit, das wirst du schon ler­ nen! Bis jetzt ist noch kein Gelehrter vom Himmel gefallen, viel weniger ein Ochs wie du.»70 Theodor liebte die Musik. Er hatte seine kleine Ziehharmonika nach Afrika mitgenommen. Immer wieder musizierte er, um seine Mitbrüder und die schwarzen Gehilfen zu unterhalten und aufzumun­ tern. Aufenthalte in der Nähe von Dörfern und Städten brachten die Gefahr, dass die Schwarzen zu viel tranken und dadurch in Schlägereien ver­ wickelt wurden. Wenn aber der Triesner mit sei­ nem Musikinstrument aufspielte, blieben die Trei­ ber beim Lagerfeuer: «Es dauerte nicht lange, da bekamen die Schwarzen Leben in die Beine. Sie tanzten mit einem für Europäer bewundernswer­ ten Bewegungstalent.»71 Theodor lobte während der Pausen immer wieder die Tanzkünste seiner Arbeiter. Sieben Monate war die Missionsexpedition durch das damals wilde und unwegsame Afrika un­ terwegs, ehe sie im November 1879 ihr vorläufiges Ziel Gubuluwayo, die Residenz des mächtigen und gefürchteten Matabelekönigs Lo Bengula, erreich­ ten. Von seinem Wohlwollen hing es ab, ob die Je­ suiten mit der Missionierung und dem Bau von Schulen beginnen durften. Auch Lo Bengula hatte grosse Freude am Ziehharmonikaspiel von Bruder Theodor. Doch es verging noch einige Zeit, bis der König die Arbeit der Missionare zuliess. Die schicksalsträchtige Ziehharmonika des Liechtensteiners wird heute noch im Museum der Jesuiten in Harare, der Hauptstadt von Zimbabwe, gezeigt.72 Bruder Theodor verstand sich auf fast alle not­ wendigen Handwerke. Er wusste auch mit den Ein­ heimischen umzugehen. Am 29. Dezember 1879 schrieb Theodor einen Brief nach Europa, der ein wenig über das Wesen dieses ausserordentlichen Triesners aussagt und im Anhang dieser Arbeit in vollem Wortlaut wiedergegeben wird.73 Die Jesuitenniederlassungen am oberen Sambe­ si benötigten immer wieder Nachschub, den man von Grahamstown herbeischaffte. Mehrmals absol­ 92
        

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