«AM RANDE DER BRANDUNG» PETER GEIGER ter und Lehrer sowie Ausweisung nationalsoziali- stischer Ausländer.88 Es waren dieselben Forde- rungen, wie sie das heimattreue Aktionskomitee eine gute Woche zuvor an Landtag, Regierung und Fürsten gerichtet hatte. Die Polizei entfernte Tafeln und Galgen; die Ak- teure stellten sie erneut auf. Und weil sie auf eine Tafel noch die Namen des VU-Präsidenten Dr. Otto Schaedler und des Vizeregierungschefs Dr. Alois Vogt setzten und sie mit der Volksdeutschen Be- wegung und dem Nationalsozialismus in Verbin- dung brachten, entstand sogleich neuer Parteien- und Zeitungsstreit. Die VU verwahrte sich heftig. In Protest sprach eine fünfköpfige VU-Delegation, geführt vom Präsidenten, bei der Regierung vor, und die VU-Parteileitung erstattete Strafanzeige gegen die «Aufwiegler».89 Das Liechtensteiner Va- terland) nannte die Lindenplatzaktion eine der «schandvollsten Erscheinungen der politischen Ge- schichte des Landes». Das  erwiderte, da kenne man andere, kritisierte die Reaktion der Oppositionspartei als unverhältnismässig, tadelte mild zugleich die Galgenaktion. Rechtsstaatlich müsse verfahren werden.90 Seither ist jener symbo- lische Galgen als Ausdruck der Volksstimmung im Lande beim Kriegsende in Erinnerung geblieben. Wenige Wochen später beschloss im Juni 1945 die Regierung in der Säuberungsfrage klärende Grundsätze und veröffentlichte sie: Gerichtlich werde gegen jene Ausländer vorgegangen, die strafbare Handlungen begangen, fremdenpolizei- lich - durch Ausweisung oder Einreisesperre - ge- gen jene, die ihr Gastrecht missbraucht hätten. In drei Fällen habe die Regierung schon die Auswei- sung verfügt, weitere würden folgen. Die Massrege- lung von Liechtensteinern erfolge im Rahmen des Rechts: Bestraft werde, wer bei seiner NS-Tätigkeit gegen bestehende Gesetze Verstössen habe. Die Po- lizei untersuche jeden einzelnen Fall. Der Prozess gegen die Putschisten von 1939 werde wieder auf- genommen. Die Bevölkerung solle nicht ungeduldig werden.91 Diese Grundsätze übernahm auch die neue Regierung unter Alexander Frick und Ferdi- nand Nigg, welche am 3. September 1945 bestellt wurde.92 
Im Jahr darauf, 1946, wurden die 1939er Putschanführer zu teils mehrjährigen Gefängnis- strafen verurteilt, schliesslich ebenso der ab 1940 amtierende Landesleiter der nationalsozialistischen «Volksdeutschen Bewegung in Liechtenstein», Dr. Alfons Goop; da dieser alle Verantwortung auf sich nahm, kamen die übrigen «Umbruch»-Leute unge- straft davon. Verurteilt wurden einige Personen wegen verbotenen Nachrichtendienstes.93 Und et- liche Liechtensteiner wurden noch durch die Schweiz gesucht94 und dort zu teils sehr langen Strafen verurteilt; verschiedene Liechtensteiner so- wie liechtensteinische Kriegsfreiwillige wurden mit schweizerischer Einreisesperre belegt.95 Im Sommer 1945 gab es alsogleich andere in- nenpolitische Sorgen. Die Regierung wankte. Land- tag und Fürst hatten noch im November 1944 Dr. Josef Hoop als Regierungschef und Dr. Alois Vogt als Regierungschef-Stellvertreter für weitere sechs Jahre - bis 1950 - bestellt.96 Anfang Juni 1945 jedoch kündigte Regierungschef Hoop partei- intern seinen Rücktritt an, nahm ihn auf Bitten der Partei nochmals zurück,97 liess sich aber ab Mitte Juni krankheitshalber beurlauben.98 86) LVaterland und LVolksblatt. Mai/Juni 1945. 87) Allgäuer/Jansen/Ospelt (s. oben Anm. 26), S. 124, 129, 133. 88) LLA Fotosammlung (Sammlung Hans Walser). 89) LLA S 78/164. 90) LVaterland und LVolksblatt Ende Mai und Anfang Juni 1945. 91) LLA RF 230/478. - LVolksblatt, 14. Juni 1945. 92) LLA L Landtags-Prot. vom 18. Sept. 1945, nichtöff. 93) LLA. Gerichtsakten. 94) Schweizerischer Polizeianzeiger (Zeller) 1945 ff. 95) Diverse Akten im LLA. - Akten Privatbesitz. Prof. Ernst Nigg, Vaduz (dem Verfasser freundlicherweise zur Verfügung gestellt). 96) LLA L Landtags-Prot. vom 9. Nov. 1944. - Ernennung durch den Fürsten, 24. Nov. 1944, HA Schloss Vaduz, Korrespondenz Kabi- nettskanzlei 1944/112. - Rechenschafts-Bericht 1944, S. 43. 97) Pressemitteilung der Bürgerpartei-Leitung im LVolksblatt, 9. Juni 1945. 98) LVolksblatt. 14. Juni 1945. 69
        

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