«AM RANDE DER BRANDUNG» PETER GEIGER gier, Holländer, Inder? Es handelte sich vor allem um entlassene Kriegsgefangene und nach Deutsch- land verschleppte Zwangsarbeiter, aber auch über hundert befreite KZ-Häftlinge.38 Daneben versuchten sich Kollaborateure, Deser- teure, NS-Funktionäre und Private aus dem Reich und dem Kriegsgebiet abzusetzen. Hier blieben die schweizerischen Grenzorgane streng. Zurückge- wiesen wurde in Schaanwald etwa auch Pierre Laval, der ehemalige Premier der französischen Vichy-Regierung.39 Eduard von Falz-Fein hat ihn an der Grenze fotographiert.40 Laval hatte es schon in St. Margrethen zweimal vergeblich versucht, einmal versteckt unter Gepäck eines Diplomaten- autos;41 er konnte dann offenbar von Innsbruck aus noch nach Spanien fliegen,42 wurde aber den Ame- rikanern und Franzosen ausgeliefert und im Okto- ber 1945 in Frankreich zum Tod verurteilt und hin- gerichtet.43 In jenen Schaanwälder Flüchtlingstagen wurden nur 42 Deutsche (einschliesslich Österreicher) ein- gelassen. Warum kamen nicht die Grenzbewohner Vorarlbergs, Frauen und Kinder, um vorüberge- hend dem Kampfgeschehen zu entkommen? Ihnen erlaubte die Schweiz in den Tagen des Näher- rückens der Front Anfang Mai, über die Rhein- brücken von Rheineck bis Montlingen auf Schwei- zergebiet überzutreten, um sich für kurze Zeit in Sicherheit zu bringen. Meist genügten ein bis zwei Tage. Ab dem 3. Mai konnten die Vorarlberger heimkehren.44 Die Pfadfinderinnen und Pfadfinder hatten bei Beginn des Flüchtlingsandrangs in Schaanwald eine Suppenküche eingerichtet, die sie in Betrieb hielten. Sie wurde vom Bauamt erweitert. Aus ihr wurden in jenen Tagen Tausende von durchgeleite- ten Flüchtlingen genährt. Fürstin Gina und Prin- zessinnen beteiligten sich.45 Das Liechtensteinische Rote Kreuz wurde in jenen Tagen, am 30. April - am Tag von Hitlers Selbstmord -, gegründet, von Fürstin Gina, Dr. Fritz Ritter, Baurat Josef Vogt, Wilhelm Fehr, Otto Pieren und anderen. Die Fürstin wurde Präsidentin, Josef Vogt Vizepräsident, Fritz Ritter Sekretär, Wilhelm Fehr Kassier des Liechten- steinischen Roten Kreuzes.46 
Parallel dazu, mitten in diesen hektischen Tagen und während man an Evakuation denken musste, wurde auch noch der Landtag gewählt, am 29. April 1945.47 Zuvor war am 18. März 1945 in einer Volksabstimmung der Vorschlag, die Abge- ordnetenzahl von 15 auf 21 zu erhöhen, haushoch verworfen worden. Zum letztenmal war der Land- tag in wirklicher Wahl 1936 bestellt worden. Danach war 1939 aufgrund des neuen Proporz- gesetzes nur stille Wahl durch Übereinkunft der Bürgerpartei und der Union erfolgt.48 Und 1943 hatte der Fürst - auf ausdrücklichen Wunsch der beiden Koalitionsparteien, der Regierung und des Landtages - die Mandatsdauer des Landtages ver- längert; die nächste Wahl sollte zum frühestmög- lichen Zeitpunkt stattfinden.49 Dieser schien im Frühjahr 1945 gegeben.50 Man konnte nicht ahnen, dass die Wahlen genau in die chaotischen Tage des 35) Ebenda. 36) LLA S 78/108. - LVolksblatt. 21. April 1945. 37) LLA RF 230/43, 228/21, 228/12. 38) LLA RF 230/43. - LVolksblatt, 5. Mai 1945. 39) Robert Gschwend: Die letzten Tage des Zweiten Weltkrieges an der St. Gallischen Rheingrenze. In: Unser Rheintal 1945 (Au SG), S. 27-53. hier S. 32. 40) Interview des Verfassers mit Baron Eduard von Falz-Fein, Vaduz, vom 6. Dez. 1996. - LVolksblatt, 5. Mai 1945. 41) Robert Gschwend. S. 32 (s. oben Anm. 39). 42) Interview des Verfassers mit Eduard von Falz-Fein vom 6. Dez. 1996. 43) Robert Gschwend. S. 32 (s. oben Anm. 38). 44) Robert Gschwend, (s. oben Anm. 39). - Heribert Küng: Rhein- grenze 1945, St. Gallen. Liechtenstein und Vorarlberg am Ende des Zweiten Weltkrieges. Buchs 1989. 45) LVolksblatt, 3. Mai 1945. - Allgäuer/Jansen/Ospelt (s. oben Anm. 26), S. 114 ff. 46) LLA RF 230/396. 47) LLA RF 229/409, 229/282. - Paul Vogt: 125 Jahre Landtag. Vaduz 1987, S. 211. 48) Paul Vogt: 125 Jahre Landtag. Vaduz 1987, S. 209-211. 241. 49) LLA RF 218/336. 50) Schreiben von Fürst Franz Josef II. vom 26. März 1945 zur Landtagsauflösung, LLA RF 230/146. 61
        

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