«AM RANDE DER BRANDUNG» PETER GEIGER EINLEITUNG* Heute - 29. April 1995 - auf den Tag genau vor 50 Jahren, am 29. April 1945, war Sonntag, es herrschte kaltes Nordwindwetter, in den Bergen lag der Schnee weit herab.1 Im Kloster St. Elisabeth in Schaan wurde abends um 8 Uhr eine öffentliche Anbetungsstunde für den Frieden gehalten, wie schon sechs Jahre lang jeden Abend seit Kriegs- beginn.2 An jenem Tag zogen in München die Ame- rikaner ein. Französische Truppen besetzten Fried- richshafen und stiessen auf Bregenz vor. Die so- wjetischen Truppen umschlossen Berlin. Tags zu- vor hatten die Amerikaner Dachau befreit, in Ober- italien Partisanen Mussolini erschossen und aus- gehängt. Am 29. April, vor heute 50 Jahren, wurde in Liechtenstein der Landtag neu gewählt.3 Derweil campierten im bayrischen Oberstaufen vor der vor- arlbergischen Grenze die Reste von Holmstons na- tionalrussischer Wehrmacht-Armee,4 und in Feld- kirch regten sich Pläne zur Verteidigung der Stadt wie zum Sturz der dortigen NS-Machthaber. An der Grenze in Schaanwald stauten sich die Flüchten- den. Man musste in Liechtenstein noch beim Zu- sammenbruch des Dritten Reiches damit rechnen, dass der Krieg übergreife. Am Tag nach dem 29. April, am 30. April, beging Hitler Selbstmord. Wenige Tage darauf war der Krieg in Europa vor- bei: Am 1. Mai nahmen die Franzosen Bregenz, am 2. Mai beschossen sie Götzis, wo am Kummenberg noch deutscher Widerstand geleistet wurde, am 3. Mai langten sie in Feldkirch an. In der Nacht zu- vor, vom 2. auf den 3. Mai, trat Holmstons Russen- truppe in Schellenberg nach Liechtenstein über. Die Deutschen zogen aus Feldkirch kampflos ab, nach Sprengung der Felsenaubrücke, die französi- schen Panzer rollten über Tisis und Maria Grün nach Frastanz, Bludenz und dem Arlberg zu, wo am 4. und 5. Mai noch Kämpfe stattfanden. Am 7/8. Mai erfolgte bekanntlich die deutsche Gesamt- kapitulation. Der Krieg in Europa war vorbei; in Ostasien endete der Weltkrieg erst am 2. Septem- ber. Für Liechtenstein war der Krieg mit dem Ab- zug der Wehrmacht aus dem Grenzgebiet bereits am 3. Mai 1945 zu Ende.5 
*) Referat, gehalten am 29. April 1995, anlässlich des Gedenkens 50 Jahre Kriegsende in Europa, an der Jahresversammlung des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein im Gemein- desaal Ruggell. Der Redetext ist durch Fussnoten ergänzt, um Quellen und Literatur nachzuweisen. Ebenso sind Bilder eingefügt; für deren Beschaffung dankt der Verfasser Herrn lic. phil. Klaus Biedermann. 1) Vgl. Liechtensteiner Volksblatt (nachfolgend LVolksblatt), 3. Mai 1945. 2) LVolksblatt, 2. Sept. L939: «In Gefahr» (Eingesandt). - Mündliche Mitteilung von Schwester Alma Spieler, Kloster St. Elisabeth, Schaan, an den Verfasser. - Alma Spieler: Wenn das Weizenkorn stirbt. Die Geschichte der Anbeterinnen des Blutes Christi. Provinz Schaan. Liechtenstein, 1908-1991. Freiburg/CH 1991, S. 256. 3) Rechenschafts-Bericht der fürstlichen Regierung an den hohen Landtag für das Jahr 1945, Vaduz 1946 (nachfolgend Rechenschafts- bericht 1945). - Paul Vogt: 125 Jahre Landtag. Vaduz 1987, S. 211. 4) Peter Geiger/Manfred Schlapp: Russen in Liechtenstein. Flucht und Internierung der Wehrmacht-Armee Holmstons 1945-1948. Vaduz, Zürich 1996, S. 21, 283-285. 5) Thomas Fleming/Axel Steinhage/Peter Strunk: Chronik 1945, Tag für Tag in Wort und Bild, 4. Aull. Gütersloh/München 1994, S. 60 ff. - Dietlinde Löfflet': Das Ende der deutschen Herrschaft und die Befreiung Vorarlbergs durch die Franzosen. In: Gerhard Wanner (Hrsg.): 1945 - Ende und Anfang in Vorarlberg, Nord- und Südtirol. Lochau 1986, S. 9-23. - LVolksblatt, April/Mai 1945, und Liechten- steiner Vaterland (nachfolgend LVaterland), April/Mai 1945. - Peter Geiger: Liechtenstein bei Kriegsende 1945. In: Endlich Friede. Kriegsende 1945 in der Bodenseeregion. Vorarlberg, Süddeutsch- land, Ostschweiz, Fürstentum Liechtenstein. Rorschach 1995, S. 59-66. - Gerhard Wanner: Vorarlberg 1945, Kriegsende und Befreiung, Feldkirch 1996. 51
        

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