DER WEG DER LIECHTENSTEIN-GALERIE VON WIEN NACH VADUZ / GUSTAV WILHELM Personen beschäftigt, darunter den Bürgermeister der Insel. Ich stieg aus und begrüsste ihn und er- fuhr im Gespräch, dass man die Brücke zur Spren- gung herrichte. Man wollte, wenn die Franzosen kämen, die Brücke in die Luft jagen und die Insel verteidigen. Die Alliierten standen damals bereits im Schwarzwald. Ich fuhr weiter zum Schloss Kö- nigsegg des Dr. Hohner, und mir war klar, dass ich versuchen musste, raschenstens mit den Bildern wieder von der Insel wegzukommen, sonst sass ich in einer Mausefalle. Alle meine anfänglichen Be- denken, als das Projekt Reichenau in Wien auf- tauchte, bekamen nun Gestalt und Wirklichkeit. Die seinerzeit in Wien mir gegenüber geäusserte Idee, bei Gefahr die Bilder auf Kähnen über den See in die Schweiz zu führen, wirkte an Ort und Stelle nur mehr lächerlich. Auf Königsegg traf ich Herrn Ratjen, dem ich von der Vorbereitung zur Brückensprengung erzählte. Ich wollte die Bilder nur dann ausladen, wenn ich einen hier stationier- ten Lastwagen zur Verfügung bekäme, mit dem ich jederzeit binnen kürzester Frist mit den Bildern wieder abfahren könnte. Ratjen seinerseits drängte darauf, nun einmal hier auszuladen, was ich ver- stand. Auf seine Intervention hatte Dr. Hohner uns sein Schloss als Bergungsort zugesagt, welch letzte- rer wohl froh war, unser Anbot zu bekommen, da so sein Haus frei blieb von anderweitiger, viel un- angenehmerer Bequartierung. Der Bürgermeister von Reichenau war aber schon misstrauisch ge- worden, weil die Bilder so lange nicht kamen, und Ratjen meinte mit Recht, wenn ich jetzt gleich wie- der mit den Bildern abführe, käme der ganze Schwindel heraus. Am nächsten Tag, den 3. April 1945, fuhren Rat- jen und ich mit dem Personenauto nach Trossingen zu Dr. Hohner, um mit diesem die Frage eines Ab- transportes der Bilder von Reichenau zu bespre- chen und um ihn um ein Lastauto zu ersuchen. Dr. Hohner und sein Rechtsanwalt (es war sein Schwiegersohn) erklärten mir in Trossingen, er könne die Bilder von der Reichenau nicht mehr weglassen. Wenn ich mit den Bildern wieder ab- führe, müsse er dies den staatlichen Stellen mel- den, um nicht seinerseits etwa dafür haftbar ge-macht 
zu werden. So gross war damals noch die Furcht vor den Nazis. Er fürchtete, für die «Ver- schleppung» der Bilder zur Verantwortung gezogen zu werden. Wir verhandelten den ganzen Nachmit- tag, übernachteten und einigten uns tags darauf in der Art, dass ich im Schlösschen ein «symboli- sches» Bilderdepot lassen solle. Mit dem Rest solle ich wieder wegfahren, man werde hievon niemand benachrichtigen. Für den Abtransport der auf der Reichenau verbleibenden Bilder wolle Hohner mir einen Lastwagen zur Verfügung stellen. Als wir aber am 4. April mittags von Trossingen abfuhren, kam eben die Nachricht, dass der von Hohner angebotene Lastwagen soeben von Tiefflie- gern in Brand geschossen worden sei. Auf dem Heimweg wurden wir selbst von zwei Tieffliegern angegriffen, wir rannten um unser Leben in einen nahen Wald und zum Glück wurden weder wir noch unser Auto getroffen. Für uns war bei den Verhandlungen mit Dell- brügge ja die Tatsache, dass Hohner uns seinen Besitz auf der Reichenau als Depotraum zur Verfü- gung gestellt hatte, sehr wichtig, und Ratjen meinte sicher mit Recht, dass man Hohner nun nicht so arg bloss stellen dürfe. So hatte ich mich zu diesem demonstrativen Depot entschlossen. Die Schofföre und die unentladenen Autos hatte ich im Hofe des Schlösschens stehen lassen, und am 4. April luden wir 165 zweitrangige Bilder aus und stellten sie im Schloss auf. Mit dem wertvoll- sten Rest hoffte ich noch irgendwie nach Vaduz durchzukommen. Abends fuhr ich ab. Dr. Hohner, der anwesend war, zeigte sich begreiflicherweise nicht sehr freundlich. Leider flog mein Manöver schon bei der Brücke auf. Dort arbeiteten noch im- mer Leute an der Vorbereitung für die Sprengung, und unglücklicherweise war der Bürgermeister auch dabei. Der sah sofort, dass die Wagen noch beladen waren, und der Einwand, dass im Schloss zu wenig Platz gewesen wäre, überzeugte ihn kei- neswegs. Erfahrungen der nächsten Tage machten auch die Annahme sehr wahrscheinlich, dass er die Grenzstellen informiert habe, man werde ver- suchen, mit den Bildern über die Grenze zu ent- kommen. 43
        

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