DER WEG DER LIECHTENSTEIN-GALERIE VON WIEN NACH VADUZ / GUSTAV WILHELM telte der Wagen. Mein Schofför war ein recht ge- sprächiger Herr, der ständig Unterhaltung wünsch- te. Ich seihst war in einer tief deprimierten Verfas- sung, so dass mir jedes Wort widerlich war. Mit allen Gedanken war ich bei meinen Lieben, um sie und ihr ungewisses Schicksal kreiste mein ganzes Denken und Beten. Und dabei musste ich die ba- nalsten Gespräche führen, meist wusste ich gar nicht, worauf ich antwortete. In der Nacht war das Vorwärtskommen noch schwieriger als untertags, weil in der Nacht die Truppenverschiebungen vorgenommen wurden. Es gab auch eine unangenehme Auseinandersetzung, bei der es hätte passieren können, dass man uns die Bilder abgeladen und den Wagen weggenom- men hätte. Denn unser Autobus fiel schon von wei- tem auf, weil er gut imstande war. Die Wagen, denen man normalerweise begegnete, waren nur mehr Ruinen. Wohl aus diesem Grund zwang uns plötzlich ein auf der Landstrasse auftauchendes deutsches Mi- litärauto zum Anhalten. Nach Überprüfung meiner Ausweispapiere gab man mir zu verstehen, dass der Autobus einstweilen beschlagnahmt sei, da man diesen möglicherweise für militärische Trup- penzwecke verwenden müsse. Mein Einwand, dass es sich bei dem Wageninhalt um Bergungsgegen- stände handelt, die man vor einem möglichen An- griff alliierter Streitkräfte schützen wolle, machte keinen Eindruck. Man forderte mich auf, dem Mi- litärauto nachzufolgen. Über eine Nebenstrasse ge- langten wir zu einem bewaldeten Militärzeltplatz, wo ein grosses Holzfeuer brannte. Abseits davon stellten wir unseren Autobus ab und warteten, wie man uns befohlen hatte, vor diesem. Sollte dies das Ende der Bergungsaktion bedeuten? Das dachte ich mit banger Sorge. Nach all den unangenehmen Überraschungen in der Zeit dieses mehrjährigen Bildertransportes war mir diese Befürchtung schon sehr vertraut geworden. Im Zeltlager der Wehrmacht herrschte - wie wir sofort bemerkten - eine feuchtfröhliche Stimmung. Die vom Schnaps- und Bierkonsum angeheizten Wehrmachtsleute liessen in meiner Vorstellung eine Endkriegssituation einer verlierenden Streit-macht 
erkennen. Das Näherrücken des Endes der Kriegswirren war zu diesem Zeitpunkt bereits spürbar. Während ich sehr besorgt über einen Aus- weg für den Bildertransport nachdachte, flüsterte Schofför Ritter mir ins Ohr: «Hier sind doch alle schon betrunken. Verschwinden wir einfach mit dem Autobus». In meinen schlimmsten Befürchtungen für alles weitere stimmte ich seinem Vorschlag zu. Wir be- stiegen den Wagen und hofften, dass das startende Geräusch des Motors niemandem auffallen würde. Unbemerkt konnten wir das Lager verlassen. Wir erreichten die Landstrasse und fuhren mit grosser Geschwindigkeit weiter. Erst nach einiger Zeit be- ruhigten sich unsere Gemüter, nachdem wir uns sicher glaubten, dass kein Wehrmachtsauto uns nachfolgte. Um 4 Uhr 45 schalteten wir eine Schlafpause von zwei Stunden ein und kamen am Karfreitag (30. März 1945) um 8 Uhr 15 in Lauffen wieder an. 58) Vgl. Haupt (1992), S. 620: «Die Ereignisse im März und April 1945 waren an Hektik und Dramatik kaum zu überbieten. Am 29. März erschien der Direktor der fürstlich-liechtensteinischen Kunst- sammlungen, Dr. Gustav Wilhelm, in Gaming und veranlasste den Abtransport der hier geborgenen liechtensteinischen Gemälde und Gobelins in Richtung Bad Ischl. In den folgenden Tagen gingen fünf Bergungsräume und der grosse Turnsaal verloren. Sie wurden vom Heeresoberkommando für die Einquartierung von Flüchtlingen beschlagnahmt und am 5. April auch schon bezogen. Für die Ver- lagerung des Bergegutes ... standen ganze 24 Stunden Zeit zur Verfügung.» 59) Frans Hals: niederländischer Maler (*1580 in Antwerpen; fl666 in Haarten). 60) Antonio Canale: venezianischer Maler (*1697 in Venedig; 11768 ebenda). 61) Mit diesem Abtransport aus Gaming kam Gustav Wilhelm dem Räumungsbefehl des dortigen Kunstdepots durch die Nationalsoziali- sten zuvor - Vgl. Haupt (1991), S. 161: Die in Gaming eingelagerten 928 Gemälde des Kunsthistorischen Museums Wien wurden in aller Eile auf Lastwagen gepfercht, die dann am 25. April 1945 in Bad Ischl eintrafen. 62) Haupt (1992), S. 621 f. - Am 23. Mai 1945 hatten russische Sol- daten die Bergungsräume in Gaming besetzt und zahlreiche Kisten aufgebrochen. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich immer noch grosse Bestände des Kunsthistorischen Museums Wien hier. Bis zum end- gültigen Räumungsbefehl vom 29. Juli 1945 hatten hier einquartierte russische Soldaten bereits zahlreiche Kunstwerke zerstört. 41
        

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