DER WEG DER LIECHTENSTEIN-GALERIE VON WIEN NACH VADUZ / GUSTAV WILHELM gung der Kunstwerke beladen, und wir waren ab- fahrbereit, als die Bewilligung eintraf. Am Mittwoch in der Karwoche, den 28. März 1945, fuhr ich 
um % 4 Uhr nachmittags in Mauren ab. Ich drängte sehr auf diese Abreise; denn der Unternehmungsgeist der Schofföre begann sich be- reits wieder zu verflüchtigen, am Dorfplatz in Mau- ren standen unsere grossen Autos, daneben zahl- reiche Mitbürger, die sich in Vermutungen über das Schicksal dieser Fahrt ergingen, anwesend waren auch die weinenden Frauen der Schofföre mit allen ihren Kindern, und ich war tatsächlich froh, als wir abfuhren. Ich erinnere mich noch des dicken Tier- arztes Dr. Matt55, der sehr interessiert alle Vorbe- reitungen verfolgte und mit Ratschlägen würzte. Den weinenden Frauen versuchte er, Trost zu spen- den dadurch, dass er immer wieder erklärte, er würde sofort mitfahren, immer wieder rief er ihnen zu: «No ned jammera», er strahlte über das ganze Gesicht über die Sensation des Auszuges. Eben hatte uns die Nachricht erreicht, dass die Russen im Anmarsch auf Wien begriffen seien, und es war für mich höchste Zeit, das Depot im Berg- werk von Lauffen auszuräumen. In Dornbirn ka- men wir um 20 Uhr durch, hatten dort noch eine Besprechung mit einem Grafen Teleki, dessen Frau wir bei der Rückfahrt aus Salzburg mitnehmen sollten. Durch Bregenz und das Allgäu fuhren wir nach München, welche Stadt wir um 3 Uhr mor- gens erreichten. Sie bot einen grauenvollen, ausge- brannten und ruinösen Eindruck, so dass ich mich in ihr gar nicht mehr auskannte. Von der Frauen- kirche fehlte ein Turm, am Hauptbahnhof, in den ich hineinschaute, lag in der grossen Halle die ganze Eisenkonstruktion des Daches auf den Schie- nen. Ich dirigierte die Wagen durch die Stadt, aber es passierte mir mehrmals, dass eine Strasse sich plötzlich auf die Enge eines Feldweges verlor, da die ganzen Häuser eingestürzt waren und auf der Strasse lagen. Das schöne Rathaus war aufgerissen und ausgebrannt, es sah im Mondschein gespen- stisch aus. Bei München erreichten wir die Autobahn, die allerdings wegen Schnee nur auf einer Seite be- fahrbar war. Nun ging es flott weiter. Stunde um 
Stunde verrann bei dieser nächtlichen Fahrt, vor mir hatte ich einen Radioapparat montiert und hörte stündlich die Nachrichten über Einflüge von feindlichen Flugzeugen an, um rechtzeitig in Dek- kung gehen zu können. Die anderen Nachrichten besagten mir nichts Gutes, die Russen waren in Ungarn im Vordringen. Gegen 5 Uhr morgens blie- ben wir stehen. Wir legten uns im Autobus in den Kleidern auf Packdecken hin und schliefen eine Stunde. Am nächsten Morgen (Gründonnerstag, 29. März 1945) erreichten wir gegen 9 Uhr bei Sonnenschein Salzburg. Das Hotel, in dem die Gräfin Teleki abzu- holen war, existierte nicht mehr, es war zur Gänze weggebombt. Ich konnte nicht, lange nach ihr su- chen, denn ich wollte mich bei hellem Tag nicht viel zeigen, einerseits wegen der ständigen Fliegerge- fahr, anderseits wegen des deutschen Militärs, wel- ches mich bereits suchte. Wir fuhren weiter gegen Ischl und trafen vor dem Bergwerk in Lauffen um 10 Uhr 50 ein. Ich er- fuhr, dass vom Kunsthistorischen Museum nur Herr Franz Sochor56, der technische Restaurator, anwesend sei, er war eben in den Berg eingefahren und ich liess ihn telefonisch rufen. Ich teilte ihm den Grund meiner Ankunft mit, den er wohl voll verstand und billigte, er war sich anfangs aber nicht recht klar darüber, ob er meine Sachen her- ausgeben könne oder nicht. Ich zerstreute die Be- denken, und wir vereinbarten, dass sofort mit dem Beladen des Lastwagens und des Anhängers be- gonnen würde. Sochor kannte ich bereits seit Jah- ren. Er bestätigte das, was ich bereits wusste, dass 54} Bei Andreas und Franz Ritter handelte es sich nicht um blosse «Verwandte»; es waren beides (jüngere) Brüder von Kabinettssekre- tär Rupert Ritter. - Vgl. auch Marxer (1978), S. 156: Franz Ritter (*1902; tl977), Andreas Ritter (*1905; t 1979). 55) Dr. med. vet. David Matt (*1897; tl965). - Vgl. Matt (1939). S. 282. - Ebenso Marxer (1978), S. 112. (Hier auch ein Foto von Tierarzt David Matt.) 56) Haupt (1991), S. 161. Franz Sochor war - zusammen mit Josef Hajsinek - im Frühjahr t945 Assistent von Bergungsleiter Viktor Luithlen in Lauffen. Innert weniger Monate wurden 22 Waggons mit fast 8000 Kunstgütern im verzweigten Stollennetz des Salzberg- werks in Lauffen untergebracht. 37
        

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