REZENSIONEN / DAS RÖMISCHE GRÄBERFELD VON BREGENZ - BRIGANTIUM ostgermanische Fundstücke. Eine sichere Er- klärung für diese Lücke in der chronologischen Fundabfolge gibt es nicht. Möglicherweise sind die nun fehlenden archäologischen Zeugnisse dieser Zeit im Zuge von Bauabnahmen verloren gegan- gen. Dennoch darf man nicht ganz außer acht las- sen, dass von den Gräbern der letzten Belegungs- phase 76 Prozent keine Beigaben führen. Es wäre also möglich, dass einige von ihnen aus jüngerer Zeit als angenommen stammen. Die Frage nach Bevölkerungskontinuität ins frühe Mittelalter bleibt damit noch offen . Michaela Konrads Buch präsentiert sich in der bewährten Gestaltung der Reihe der Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte. Nützlich sind die Planbeilagen, die dem Leser die Orientie- rung erleichtern. Die zahlreichen Typentafeln, die für einige Fundgruppen zusammengestellt wurden, ermöglichen die Übersicht über die einzelnen Kom- plexe, ohne lange im Gräberkatalog blättern zu müssen. Schwarz-weiss Fotos sowie Farbtafeln er- gänzen die Illustrationen des zwar nicht ganz druckfehlerfreien, sonst aber gelungenen Werks. Mit der Bearbeitung des Bregenzer Gräberfelds hat Michaela Konrad keine leichte Aufgabe über- nommen. Die Bearbeitung von Altfunden steckt voller Tücken. Die Bregenzer «Archäologiepionie- re» arbeiteten für ihre Zeit zwar sicher beispielge- bend, und ohne diese hervorragende Arbeit wäre dieses Unternehmen gar nicht realisierbar gewe- sen. Dennoch können Grabungen, die im vorigen Jahrhundert durchgeführt wurden, natürlich nicht den Erwartungen entsprechen, die heute an die Aussagemöglichkeit von Grabungen gestellt wer- den. Einige Funde gingen in der Zwischenzeit ver- loren, und nur die Skizzen der damaligen Ausgrä- ber konnten noch darüber Auskunft geben. Auch die Befunde präsentierten sich der Bearbeiterin nur unzureichend. Moderne anthropologische Be- stimmungen der Skelette fehlten ebenso wie ver- einzelt Angaben über Grösse und Geschlecht der Bestatteten. Allen diesen Schwierigkeiten trotzt Michaela Konrad mit sehr grossem Engagement. Mit ihrer vorbildlichen und mitunter auch sehr kri- tischen Recherche bemüht sie sich um das Zustan-dekommen 
von Auswertungsergebnissen, die den heutigen Anforderungen genügen. Dadurch ent- steht aber die Gefahr, sich zu Überinterpretationen hinreissen zu lassen, zumal manche Grundlagen für die archäologische Auswertung auf Annahmen beruhen, wie es etwa bei Konrads Bevölkerungs- studien der Fall ist. Fraglich ist etwa auch, inwie- weit der Vergleich des Zahlenverhältnisses der Bei- gaben führenden zu den beigabenlosen Gräbern von Kaiseraugst zur Untermauerung der Datierung der Bregenzer Gräber herangezogen werden kann und ob die Bevölkerungsstrukturen der beiden Plätze dafür ausreichende Parallelen bieten. Eine andere Problematik, die Konrad anschnei- det, den Leser aber wohl nicht ganz befriedigt, ist die Bestimmung der spätantiken Terra Sigillata aufgrund unterschiedlicher Scherbenqualitäten. Die Zuweisung der Gefässe «schlechterer Qualität» der spätrömischen Produktion von Rheinzabern mag in vielen Fällen stimmen. Dennoch muss man sich der Tatsache bewusst sein, dass auch schon in den Argonnenwerkstätten selbst die unterschied- lichsten Scherbenqualitäten aufscheinen. Zudem kann sich der Scherben durch die Erdlagerung be- kanntlich verändern, vor allem bei sehr säurehal- tigem Boden, wie es in Bregenz der Fall ist. Viel- leicht würden hier naturwissenschaftliche Untersu- chungsmethoden Auskunft geben können. Mit der Publikation der spätrömischen Körper- gräber von Bregenz ist ein lang gehegter Wunsch des archäologisch interessierten Publikums in Er- füllung gegangen. Sie schliesst eine grosse Lücke, die in der Erforschung der römerzeitlichen Besied- lungsgeschichte des Alpenrheintals bestanden hat. Bleibt nur noch zu hoffen, dass baldmöglichst an- dere Arbeiten von ähnlicher Qualität erscheinen werden, die noch mehr der reichen archäologi- schen Bestände des Vorarlberger Landesmuseums der Öffentlichkeit vorstellen. 283
        

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