DER WEG DER LIECHTENSTEIN-GALERIE VON WIEN NACH VADUZ / GUSTAV WILHELM Behörden unseren Bergungsmassnahmen gegen- über schon zur Genüge kannte, hielt ich es für mei- ne Pflicht, das Projekt Moosham weiter zu verfol- gen. Ich sandte daher an Dr. Steegmann umgehend eine ganz summarische Aufstellung über den Um- fang der beiden Gruppen und schrieb an den Ka- binettssekretär Dr. Ritter nach Vaduz am 14. Sep- tember, dass ich für die Aufstellung genauer Listen mehrere Wochen benötigen würde, was praktisch den Stillstand jeder Bergungsarbeit bedeuten müsste. In diesen Tagen erlebte Wien die ersten schwe- ren Bombenangriffe auf die Altstadt, und auch dies liess mir die Durchführung der Transporte nach Moosham äusserst dringlich erscheinen. Ich be- sprach mich am 15. September mit den Prinzen Georg, Heinrich und Ulrich von Liechtenstein, wel- che auch meinen Standpunkt teilten. In Eisgrub wurde mein Depot bereits verpackt, und die ersten Waggons rollten Ende September von Feldsberg und Eisgrub Richtung Moosham [Salzburg] ab. Inzwischen meldete sich sehr dringlich Dr. Steegmann und beharrte auf seinen Listen, ohne die er die zu erwartende Bewilligung zur Ausfuhr der zweiten Garnitur nicht erlangen könne. Der Leiter der fürstlichen Bibliothek, Hofrat Dr. Bohat- ta, der mit den Bergungsarbeiten nicht befasst war, stellte inzwischen die Listen der Inkunabeln und der Manuskripte zusammen. Da die Eisenbahnen in Österreich damals schon ein beliebtes Ziel für Bomber und Tiefflieger waren, gelang es mir durchzusetzen, dass unsere Lastwag- gons an Personenzüge angehängt wurden und nicht an Lastzüge. Die letzteren liess man im Falle eines Angriffes meist einfach stehen, während man trachtete, Personenzüge bei Fliegergefahr tunlichst in Tunnels oder Wälder zu verbergen. Es war da- mals schon äusserst schwierig, Waggons für Trans- porte zu bekommen. Immer wieder wurden zuge- sagte Termine verschoben, und besonders in Felds- berg war es damals ungemein schwer, für die Transporte Waggons zu bekommen, weil jeder lee- re Wagen vom Militär, das dort ringsherum sass, weggenommen wurde. Ich versuchte deshalb, aus dem Fürstlichen Wagenpark einen Holzgas-Traktor 
mit Anhänger zur ständigen Verfügung zu bekom- men, leider vergeblich, und es ist mir heute noch nicht ganz erklärlich, warum das nicht möglich war. Mit diesem Vehikel hätte ich das Depot aus der Veste Liechtenstein [bei Mödling in Niederöster- reich] in kürzester Zeit wegbringen können, viel- leicht auch noch das Inventar von Sternberg. Inzwischen hatte mir Dr. Berg mitgeteilt, das De- pot Gaming werde voraussichtlich geräumt werden müssen, da die Strasse über Gaming nach Lunz eine militärisch wichtige Nord-Süd-Verbindung werden könnte.33 Das Kunsthistorische Museum habe vor, seine Sachen nach Wien zu nehmen. Dem widersetzte ich mich energisch und teilte Dr. Berg mit, ich würde einen Abtransport aus Gaming nur dann durchführen, wenn ich ein ordentliches De- pot weiter im Westen bekäme. Ich teilte dies auch den damals noch in Wien anwesenden Prinzen Heinrich und Georg mit und ersuchte sie, eventuell durch die Fürstliche Regierung irgendein Depot in Vorarlberg auftreiben zu lassen, wohin ich mit den Bildern gehen könne. In Vaduz hatte man anscheinend alles auf eine Karte gesetzt, dass nämlich Dr. Steegmann in Bälde alle Bewilligungen bringen würde, und unternahm leider in Vorarlberg nichts. Ich wandte mich des- halb an Baron Hans Plach, den Besitzer der Burg Fliess bei Landeck in Tirol, der auf meine Anfrage nach einem freien Platz für ein Bergungsdepot sehr nett reagierte und mich einlud, die Verhältnis- se dort anzusehen. Seine Antwort datierte vom 24. Oktober, und es kam nicht mehr dazu, dass ich mich hätte um dieses Depot bekümmern können. Denn während unsere Waggons nach Moosham rollten, kam nach Wien Flerr Adolf Ratjen, Mitin- haber des Berliner Bankhauses Dellbrück, Schick - 53) Vgl. hierzu Haupt (1992). S. 620: «Das Jahr 1944 stand im Zeichen grosser Umbergungsaktionen. Nach eingehenden Vorberei- tungen begann man im Herbst 1944 mit der Auslagerung aus jenen Bergungsorten, die als nicht mehr sicher genug galten. Wohlverpackt und auf Lastwagen verladen wurden die wertvollen Objekte aus Gaming nach Wien transportiert, von wo die Heise mit der Westbahn ins Salzkammergut weiterging. Hier war der Kaiser-Franz-Josef- Erzstollen in Launen bei Bad Ischl der für das Kunsthistorische Museum [Wienl vorgesehene Bergungsort.» 25
        

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