DIE MUNDART DES FÜRSTENTUMS LIECHTENSTEIN ROMAN BANZER nand Wrede Mischung und Ausgleich für die alle- zeit gültigen Hauptgesetze der Mundartentwick- lung. Unter Ausgleich verstand er nichts anderes als Durchsetzung der Mischungsergebnisse, die Vereinheitlichung an Stelle eines früheren Neben- einander» (Trost 1968, S. 823). Wir haben uns also mit zwei Begriffen und zwei Inhalten zu beschäfti- gen - dem Lautwandel und der Lautvariation. Die Trennung zwischen Lautwandel und -Variation ist eine theoretische Abstraktion. Beide Vorgänge sind eng miteinander verbunden. Die Variation kann als Vorstufe des Wandels ge- sehen werden.107 Neben der Feststellung der Varia- bilität der Ortsmundarten und der Interdependenz von Sprache und Gesellschaft beschreiben wir den Status der Variabilität. Für die Theorie des Laut- wandels folgen wir den Ausführungen von Haas (1978) und fassen kurz zusammen. Lautwandel erfolgt nicht nach dem Prinzip der Gradualität. Es sind nicht mikroskopisch kleine Schritte, die aus einem Laut im Verlauf der Zeit durch mannigfache Abschleifungen einen anderen Laut entstehen las- sen. Ein Sprecher übernimmt eine Innovation als selbständiges Element und gebraucht dieses neben dem alten. Dabei sind Zwischenstufen nicht ausge- schlossen. Diese bilden eine eigenständige Lautver- schiebung im Sinne einer schrittweisen Merkmals- veränderung. Wir unterscheiden Lautwandel, indi- viduelle Innovation und Neuerung108 als Begriffe zur Beschreibung des Verlaufs des Lautwandels.109 Wir verwenden den Begriff der Innovation nach der Definition von Haas nur dann, wenn es sich um eine individuelle Innovation handelt. Eine Innovation wird zur Neuerung, wenn sie in den Sprachgebrauch einer Sprachgemeinschaft übernommen wird. Lautwandel und Lautvariation sind konstitu- ierende Elemente jeder Sprache. Auch die Orts- mundarten des Fürstentums Liechtenstein vari- ieren und wandeln sich in Abhängigkeit von unter- schiedlichen linguistischen und sozialen Faktoren. Wir haben ein Inventar der potentiell variablen Entwicklungsregeln erstellt und durch die Auswer- tung der Fragebögen festgestellt, dass die unter- suchten Entwicklungsregeln kategorisch oder va- riabel angewandt werden. 
Wir können mit unserer Untersuchung belegen, dass verschiedene Lautwandelvorgänge stattgefun- den haben. Eine konstante Entwicklungsregel wur- de hierbei variabel, die Neuerung verdrängte die basismundartliche Variante immer mehr, bis schlussendlich die neu eingeführte Variante zur neuen Konstanten wurde (Er 8; e vor Nasal, den- ken; im Ul nicht [e] sondern [e]). Diese Vorgänge sind selten. Häufiger trifft man den Fall, dass Neue- rung und ehemalige Konstante der Basismundart als Varianten in einer variablen Entwicklungsregel nebeneinander gebraucht werden. Diese Fälle der Lautvariation können, müssen aber nicht zu einem Lautwandel führen. Das Leveling der variablen Entwicklungsregeln ist unterschiedlich weit fortge- schritten. Die Anzahl der variablen Entwicklungs- regeln ist pro Gemeinde unterschiedlich gross. Sie ist im Unterland grösser als im Oberland. Die Neuerungen stammen häufig aus dem Hochdeut- schen und den benachbarten Dialekten. Die Orts- mundarten des Unterlandes werden vor allem durch die Ortsmundarten des Oberlandes beein- flusst. Die lautliche Angleichung an das Oberland ist augenfällig, wo hingegen der umgekehrte Wan- delvorgang nicht beobachtet werden konnte. Von Neuerungen besonders betroffen sind die Hochzungenvokale [i, ü, uj. zehn Entwicklungsre- geln enthalten einen Hochzungenvokal. Auch das mhd. ei kommt in den Entwicklungsregeln häufig vor, nicht weniger als neun Entwicklungsregeln be- schreiben den Gebrauch des mhd. Diphthongs ei in den Ortsmundarten Liechtenstein. Tabelle 15 beschreibt die Variation in den Ent- wicklungsregeln für die einzelnen Gemeinden. Pro Gemeinde wurden gemäss Untersuchungsanord- nung vier Probanden befragt. Pro Entwicklungsre- gel wurden den Probanden drei oder mehr Beispie- le vorgelegt. Man kann also davon ausgehen, dass für das Oberland N = 60, für das Unterland N = 72, für eine einzelne Gemeinde N = 12 ist. Die nachfolgende Tabelle zeigt die Entwick- lungsregeln und beschreibt, wie oft welche Varian- te in welcher Kondition in welcher Ortsmundart durchschnittlich gebraucht wird. Die basismund- artliche Variante ist fett gedruckt. Die beiden Be- 217
        

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